Das Erbgut des Tumors im Visier

(ckr) – Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs, die im „Nationalen Netzwerk Genomische Medizin (nNGM)“ versorgt werden, erhalten Zugang zu modernster Diagnostik und neuesten Therapien. Ein Blick hinter die Kulissen dieses zukunftsweisenden Netzwerks.

Ein langer Flur mit vielen Türen, es riecht dezent nach Linoleum. In Raum 3 schimmert das Sonnenlicht nur leicht durch die Fensterlamellen. Hier führt eine Labormitarbeiterin geschickt das Skalpell und schneidet eine hauchdünne Scheibe aus dem Gewebe: Zehn Mikrometer, weniger als ein Blatt Papier und fast durchsichtig. Die Probe ist ein winziges Stück Lungengewebe von einem Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs. Am Institut für Pathologie des Universitätsklinikums Köln, einem von 15 spezialisierten Zentren im „Nationalen Netzwerk Genomische Medizin (nNGM)“, wird das Gewebe molekulargenetisch untersucht. Das Ziel von Institutsleiter Professor Dr. Reinhard Büttner und seinem Team: ein individuelles Gen-Profil des Tumors anlegen. „Wir durchsuchen das Tumorgewebe gezielt nach Treibermutationen. Das sind Veränderungen in den Genen, die für das Entstehen von Lungenkrebs verantwortlich sind – und die wir in Therapien gezielt angreifen können“, erläutert der Pathologe. Mit der sogenannten DNA-Sequenzierung können die Wissenschaftler die im Erbgut enthaltenden Informationen, wie in einem langen Text, Buchstabe für Buchstabe ablesen. „Am Ende kennen wir das individuelle Mutationsmuster jedes Tumors – und damit mögliche Angriffspunkte für Medikamente“.

Im Labor werden die Proben für die Sequenzierung vorbereitet.

Ein Netzwerk für Patienten

Jede Woche analysiert das Team von Professor Büttner das Tumorprofil von rund 150 Lungenkrebspatienten. Doch woher stammen eigentlich die Gewebeproben? „Diese werden uns von den behandelnden Ärzten vor Ort geschickt“, erklärt Büttner. Als erstes Zentrum das Netzwerks haben die Kölner schon vor fast zehn Jahren damit begonnen, mit zahlreichen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten in der Region zusammenzuarbeiten. „Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf Lungenkrebs, wird eine erste Diagnostik vor Ort vorgenommen. Danach übernehmen wir.“ Bislang entschied eine mikroskopische Untersuchung des entnommenen Tumorgewebes darüber, welche Therapie für den Patienten in Frage kam: Operation, Chemotherapie, Bestrahlung. Heute bestimmt die molekularbiologische Untersuchung, wie sie in den nNGM-Zentren durchgeführt wird, über die Art der Behandlung. Dabei kommen auch sogenannte personalisierte Therapien zum Einsatz. Diese berücksichtigen die individuelle Tumorbiologie und greifen gezielt die Schwachstellen des Tumors an. Grundlage für den von den beteiligten Ärzten empfohlenen personalisierten Behandlungspfad ist jedoch immer die molekularbiologische Analyse.

Die Ärzte des Netzwerks stehen dazu in regelmäßigem Austausch: „Nur wenn wir Fachleute miteinander kommunizieren, können wir Therapien auf dem neuesten Stand der Krebsforschung gewährleisten“, betont Büttner.

Zielgerichtet behandlen

Die eigentliche Behandlung erfolgt dann wieder durch den betreuenden Arzt und die Klinik vor Ort. Auf Wunsch informieren die nNGM-Experten diesen auch umfangreich über alle Therapieoptionen. Denn für Ärzte, die nicht in höchstem Maße auf Lungenkrebs spezialisiert sind, sind die stetig zunehmenden und immer komplexer werdenden Behandlungsmöglichkeiten oft unübersichtlich.

„Das nNGM kann bereits jedem dritten Betroffenen eine neue, maßgeschneiderte Therapie anbieten – Tendenz steigend“, erklärt der Lungenkrebs-Experte Professor Dr. Jürgen Wolf, Ärztlicher Leiter des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) Köln und – wie Professor Büttner – Mitglied des nNGM-Koordinationsteams. Ist ein Patient Träger einer Genveränderung, für die es noch kein zugelassenes Medikament gibt, besteht die Möglichkeit, an einer klinischen Studie teilzunehmen – rund zehn Prozent der nNGM-Patienten werden im Rahmen einer solchen Studie behandelt.

„Modernste Methoden“

Interview

mit Professor Dr. Jürgen Wolf

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„Bis wir Lungenkrebs heilen können, haben wir noch einen weiten Weg vor uns, aber wir bewegen uns langsam hin zu einer chronischen Erkrankung. Die neuen Therapien übertreffen die Chemotherapie hinsichtlich Behandlungserfolg, Verträglichkeit und Überleben deutlich. In einzelnen Untergruppen von Lungenkrebs beträgt die Überlebenszeit jetzt schon bis zu acht Jahre – und das bei guter Lebensqualität.“

Langfristiges Ziel des Netzwerks ist eine flächendeckend gute Versorgung aller Lungenkrebspatienten in Deutschland. „Leider werden bei weitem noch nicht alle Patienten genetisch getestet. Ausgehend von den derzeit 15 universitären Zentren für die molekulare Diagnostik wollen wir das Netz in den nächsten Jahren regional ausbauen“, sagt Wolf. Zu den derzeit bundesweit über 380 regionalen Kooperationspartnern gehören Krankenhäuser, niedergelassene Onkologen und Facharztpraxen.

Professor Dr. Wolf

„Die neuen Therapien übertreffen die Chemotherapie hinsichtlich Behandlungserfolg, Verträglichkeit und Überleben deutlich.“

Die Deutsche Krebshilfe unterstützt das nNGM mit rund 9,3 Millionen Euro über drei Jahre. Für die langfristige Finanzierung steht das Netzwerk bereits in engem Austausch mit den Krankenkassen. Schon jetzt übernehmen viele Kassen die Kosten für Diagnostik und Therapie.

Zurück im Kölner Labor: Es ist wieder spät geworden. Ein wissenschaftlicher Angestellter bereitet den nächsten Arbeitsschritt vor. Morgen beginnt Tag zwei von zehn. Solange kann es dauern, bis die Gewebeprobe alle Stationen durchlaufen hat. Mikroarbeit mit großer Mission: Der tiefe und differenzierte Blick ins Gewebe kann das Überleben von Lungenkrebspatienten verbessern.

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin der Deutschen Krebshilfe 02/2019

Modernste Methoden

Interview mit Professor Dr. Jürgen Wolf, Universitätsklinikum Köln, Sprecher des Nationalen Netzwerks Genomische Medizin (nNGM) Lungenkrebs

Was macht Lungenkrebs so gefährlich?
Bei rund 18 Prozent aller Lungenkrebspatienten ist der Krebs zum Zeitpunkt der Diagnose bereits in einem Stadium, in dem eine Operation nicht mehr möglich ist. Vornehmliches Ziel der Behandlung ist es dann, die Lebenszeit der Patienten bei guter Lebensqualität zu verlängern – durch zielgerichtete Therapien oder Immuntherapie mit oder ohne Chemotherapie und Bestrahlung. Die personalisierte Medizin eröffnet völlig neue Ansatzpunkte und Möglichkeiten.

Wie funktioniert die Kooperation im nNGM?
Alle nNGM-Zentren sind eng miteinander vernetzt. Ein großer Vorteil dabei ist, dass 13 der 15 Einrichtungen Onkologische Spitzenzentren der Deutschen Krebshilfe sind. Diese seit vielen Jahren bewährten Strukturen erleichtern uns unsere Arbeit ungemein – nicht zuletzt durch die schon existierenden regionalen Netzwerke der jeweiligen Zentren.

Was ist Ihre Vision?
Wir wollen allen Lungenkrebspatienten in Deutschland innovativste molekulare Diagnostik und eine personalisierte Therapie ermöglichen. Das Netzwerk ist daher auch offen für die Aufnahme neuer regionaler Partner und – nach definierten Kriterien – auch für neue nNGM-Zentren. Unser Ziel ist es zudem, die Forschung voranzutreiben und Innovationen aus dem Labor schnell ans Krankenbett zu bringen.

Professor Dr. Jürgen Wolf, Universitätsklinikum Köln, Sprecher des Nationalen Netzwerks Genomische Medizin (nNGM) Lungenkrebs

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