Palliative Therapie: Mein Leben im Jetzt


Palliative Therapie - Christian N.

Bis 2019 führte Christian N. ein ganz normales Leben – mit Höhen und Tiefen, Routine und Alltagstrott – geprägt von seinem Beruf als Unternehmensberater. Seine Gesundheit erschien ihm grenzenlos stabil. Eine Entzündung in der Bauchhöhle sollte das unversehens ändern. Seit 2020 befindet sich Christian N. in einer palliativen Therapie. In diesem Beitrag berichtet er von seinen Erfahrungen.

Die in der Rubrik „Erzähl Deine Geschichte“ vorgestellten Texte schildern die individuellen Erfahrungen von Krebspatienten und lassen sich nicht auf andere Fälle übertragen. Fachliche Informationen der Deutschen Krebshilfe finden Sie im Text verlinkt.

„Eine unerklärliche Entzündung in der Bauchhöhle veränderte mein Leben schlagartig. Am 16.11.2020 wurde bei mir ein Karzinom der Gallengänge diagnostiziert. Im weiteren Verlauf des Krankenhausaufenthaltes konkretisierten die Ärzte den Befund. Man stellte fortgeschrittene Absiedelungen im Bauchfell und Lebermetastasen fest. Es folgte eine OP der Gallenblase, die abgebrochen wurde. Eine Welt brach für mich zusammen. Ich dachte: Das war es. Die schulmedizinische Prognose gab mir ein Jahr.

Worte wie ‚palliativ‘, ‚Stadium IV‘, ‚inoperabel‘, ‚Adenokarzinom‘ prasselten auf mich ein. Es waren Worte des Grauens, des Zweifels. Eine Hoffnungslosigkeit machte sich breit und entzog mir den Boden unter den Füßen. Ich befand mich emotional im freien Fall.“

Die Palliativmedizin ist dann wichtig, wenn die Erkrankung so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht mehr heilbar ist. In diesem Fall kann die lindernde Behandlung für die Betroffenen noch sehr viel tun, damit es ihnen in der ihnen verbleibenden Lebenszeit gutgeht.

Umgang mit dem Krebs

„Doch mithilfe von psychoonkologischen Gesprächen und meiner gefestigten, starken Partnerbeziehung fand ich Seelenfrieden. Es ermöglichte mir, einen positiven Umgang mit meiner Erkrankung zu finden. Durch die Unterstützung meiner Familie und meines besten Freundes gelang es mir, meinen Lebensalltag wieder in den Griff zu bekommen.“

Palliative Therapie: Das Ende?

„Die darauffolgenden Wochen und Monate veränderten mein Leben grundlegend. Mir war klar: Ich muss über mein Leben schreiben und Krebsblogger werden. Ein kleines Projekt wuchs an. Inzwischen habe ich eine eigene Blogseite, Social-Media-Accounts, bin Podcast-Partner und schreibe mein eigenes Buch. Der Austausch mit anderen Krebspatienten gibt mir Hoffnung, Mut und Anerkennung.

Ich merke, dass ich gebraucht werde. Mein Leben erfährt mit der Krebserkrankung einen neuen Sinn. Ich folge meinem Herzen und lerne mich selbst neu kennen. Die spannende Reise in mein Selbst ist noch lange nicht abgeschlossen. Balance erfährt einen höheren Stellenwert, das Leben im ‚Hier und Jetzt‘ zeigt, wie weit ich mich in den letzten Jahren davon entfernt hatte.“

„Mein Leben erfährt mit der Krebserkrankung einen neuen Sinn.“

Zwei Jahre nach der Diagnose

„Aktuell habe ich 34 zytostatische Chemotherapien ‚überlebt‘. Natürlich beeinflusst meine Erstlinientherapie meinen Alltag: Arztbesuche, vierteljährliches Staging sowohl CT als auch MRT und regelmäßige Blutkontrollen sorgen für eine engmaschige Begleitung. Mit Erfolg, denn mittlerweile konnten der Krebs und die Metastasen verringert werden. Die Ausdehnung auf andere Organe wurde verhindert. Zu meinen Arztgesprächen begleiten mich stets die Blauen Ratgeber der Deutschen Krebshilfe und die Leitlinien für biliäre Karzinome der DGHO.

Seit Dezember 2020 bin ich Schwerbehinderter und Rentner seit April 2022. Eine Beschäftigung ist nicht mehr möglich. Nebenwirkungen und kognitive, physische Einschränkungen belasten die täglichen Abläufe. Bei der Bewältigung dieser Nebenwirkungen hilft mir die Komplementärmedizin der CCC Universität Würzburg.“

Alle Krebspatienten sollen künftig in Deutschland Zugang zu Diagnostik und Therapie auf dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens erhalten. Deshalb hat die Deutsche Krebshilfe das Förderschwerpunktprogramm Onkologische Spitzenzentren ins Leben gerufen. Die Organisation fördert deutschlandweit Spitzenzentren der Krebsmedizin. Das Netzwerk der Onkologischen Spitzenzentren (CCC-Netzwerk) ist der Zusammenschluss dieser Zentren.

Umgang mit der Angst

„Ich hatte und habe auch Ängste. Vom Sterben bis zur finanziellen Existenzkrise ist so ziemlich jede Befürchtung, Sorge, Schreckgespenst und Horrorgedanke Teil meiner Gedankenspiele. Die Stärke und Intensität der Ängste hängen von meiner Tagesform und von externen Störfaktoren ab, wie der Chemotherapie, dem Staging, Arztbriefen, Briefe von Behörden, Kontoauszug oder dem Verhalten im sozialen Umfeld.

So gibt Zeiten, in denen ich entspannt und lebensfroh bin, gefolgt von Tagen der Sorge um die eigene Existenz. Ich habe gelernt, dass diese Gedanken notwendig sind. Sie sind Teil meines Lebens mit Krebs. Durch eine aktive Auseinandersetzung verhindere ich, dass mein Geist dauerhaft belastet ist. Beispielsweise fordere ich Arztbriefe aktiv ein und ermächtige mich der Situation.

Ich finde, sobald Ängste die Gefühlswelt dauerhaft belasten, den Alltag beherrschen und die eigene Handlungsfähigkeit einschränken, ist es Zeit, ihnen auf den Grund zu gehen – am besten mit professioneller Hilfe.“

Christian hat Träume

„Meine Ernährung habe ich zum Teil umgestellt: frisch, bio, regional. Weniger Kohlenhydrate, viel Obst und Gemüse, Fisch und Geflügel stehen auf meiner Speisekarte. Ich bin leidenschaftlicher Hobbykoch und Griller.

Ich habe das Walken für mich entdeckt. Ausgestattet mit meiner Kamera genieße ich die Zeiten in der Natur und im Wald. Die Schönheit der Pflanzen- und Artenvielfalt, der Farbenreichtum, die Lebendigkeit habe ich früher kaum beachtet. Jetzt finden sie sich auf meinen Fotografien wieder. An guten Tagen sitze ich sogar auf meinem Mountainbike und stärke meinen Körper bei leichter Trittfrequenz und Motor-Unterstützung.

Palliative Therapie - Christian N walkt gerne

Und ich habe Träume: ein Alpencross auf der Via Claudia Augusta oder der Camino de Santiago fasziniert mich. Ich verschlinge Bücher und Karten zu diesen Themen, wohl wissend, dass ich noch etwas fitter werden muss.“

Frei von Erwartungen

Palliative Therapie - Leben im Jetzt

„Ich betrachte meine Welt aus den Augen der Liebe. Meine Erkrankung gibt mir auch Chancen und neue Möglichkeiten. Ich akzeptiere, dass nicht jeder Tag gleich gut verläuft. In Frieden zu Bett zu gehen und morgens aufstehen zu können – und zu leben – ist wahrlich ein Geschenk. Es erdet mich, von Erwartungen und Leistungsstress frei zu sein.

Außerdem signalisiert mir mein soziales Netzwerk, insbesondere meine Online-Selbsthilfegruppe, dass ich nicht allein bin. Ich lasse andere Teil meines Lebens werden und verstecke mich nicht hinter meiner Erkrankung. Wie lange mein Leben auf welcher Bahn verläuft, weiß nur der Herrgott. Sterben werden wir alle. Also mache ich aus jedem Tag ein kleines Wunder!“

„Ich akzeptiere, dass nicht jeder Tag gleich gut verläuft.“

Palliative Therapie ist lebensbejahend

„Für mich ist palliative Therapie absolut lebensbejahend. Mein Leben ist endlich. Das war es auch vor meiner Krebsdiagnose, aber mein Krebs wirkt seelisch und geistig nicht lebenslimitierend. Ich bin autonom und mein Leben ist selbstbestimmt. Meine Lebensqualität rückt in den Vordergrund. Ich habe Lust, am Leben zu sein und dafür bin ich dankbar.

Wir sollten das tägliche Leben als Glück empfinden und Freude daran haben. Aktuell genieße ich mein Leben mit dem Tumor viel intensiver und wertschätzender als vor dem Bekanntwerden der Krankheit. Ich entschleunige meinen Alltag, um bewusster zu leben. Dazu gehört Ruhe und Regeneration. Ich reduziere Wahrnehmungsreize und Ablenkungsmöglichkeiten, übe mich in Langsamkeit und Müßiggang.“

Weitere Informationen

Die Palliativmedizin ist dann wichtig, wenn die Erkrankung so weit fortgeschritten ist, dass sie nicht mehr heilbar ist. In diesem Fall kann die lindernde Behandlung für die Betroffenen noch sehr viel tun, damit es ihnen in der ihnen verbleibenden Lebenszeit gutgeht.

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Eine persönliche, kostenfreie Beratung durch das INFONETZ KREBS erhalten Sie montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr unter der Telefonnummer 0800 / 80 70 88 77 oder per E-Mail: krebshilfe@infonetz-krebs.de.

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