Armutsfalle Krebs: Melanies Erfahrungen


Armutsfalle Krebs_Melanie_Bildnachweis: Claudia Masur

Mit 32 Jahren erkrankt Melanie an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Durch die Krankheit muss sie ihren Job und ihre Wohnung aufgeben – heute lebt Melanie mit ihrer kleinen Rente am Rand des Existenzminimums.

Es ist 8.10 Uhr an einem schönen Sommermorgen im Juni. Sanft erhellen die Sonnenstrahlen die freundliche kleine Dachwohnung am Stadtrand von Leipzig. Erst seit wenigen Tagen ist sie das neue Zuhause von Melanie. Vor dem schrägen Dachfenster ist eine große Staffelei platziert. Auf der Leinwand erhebt sich eine abstrakte Naturlandschaft in Braun- und Grüntönen in einen blauen Himmel. Leichter Farbgeruch durchströmt den Raum, als Melanie den Pinsel ansetzt. Malen ist für sie wie eine Therapie und hilft ihr, die Erlebnisse der vergangenen acht Jahre zu verarbeiten.

„Mit dem Malen erreiche ich Gefühle, an die ich mit den Gedanken gar nicht rankomme. Und das ist für meine Krankheitsbewältigung so wichtig.“

Melanies Erfahrungen mit Krebs

Im Sommer 2012 wird bei Melanie Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. Zu dem Zeitpunkt ist sie gerade einmal 32 Jahre alt. In einer aufwändigen und gefährlichen Operation ringt das Ärzteteam um ihr Überleben. Der Tumor und zwei Drittel der Bauchspeicheldrüse werden entfernt, außerdem die Gallenblase, der Zwölffingerdarm und fast der gesamte Magen.

Über Wochen und Monate kämpft sich Melanie zurück ins Leben. Sie muss ihre Ernährung komplett umstellen, denn ihr Körper kann viele Nahrungsmittel gar nicht mehr verdauen.

Der Krebs kommt zurück

Bei einer Kontrolluntersuchung dann der nächste Schock: Der Krebs ist zurück, diesmal in der Leber. Es folgt erneut eine lebensbedrohliche Operation. Melanie muss ins künstliche Koma versetzt und beatmet werden, drei Wochen lang. Doch die tapfere junge Frau mit den blonden Zöpfen und den strahlenden Augen kämpft weiter und überlebt. Jetzt wiegt sie nur noch 35 Kilogramm und muss vieles neu lernen: Atmen, Schlucken, Laufen.

In den darauffolgenden zwei Jahren kommt der Krebs in der Leber noch zweimal zurück, kann aber mit schonenderen Verfahren erfolgreich behandelt werden.

Armutsfalle Krebs - Melanie_Bildnachweis Claudia Masur

Seit Ende 2017 krebsfrei

Seit Ende 2017 ist Melanie krebsfrei. Äußerlich erinnert nur noch eine lange Narbe am Bauch an ihre Leidensgeschichte. Doch die chronische Erschöpfung, eine Folge der Krebserkrankung, bleibt. Und auch die Seele trägt tiefe Spuren davon. Denn mit der Krankheit kommt die Einsamkeit – und die Armut.

Seit der ersten Operation ist Melanie von der Krankheit so sehr geschwächt, dass sie ihre Arbeit als Nagel-Designerin aufgeben muss – eine große psychische Belastung für sie. Ihre Wohnung in einem kleinen Ort im Vorharz verlässt sie kaum noch.

Hinzu kommen die bedrückenden Ängste: Wird sie die Krankheit überleben? Und wird sie jemals wieder ein normales Leben führen können? Bis heute quälen die junge Frau schwere Depressionen und Albträume.

Hilfe von einer Trauma-Therapeutin

Es dauert sieben lange Jahre, bis sie schließlich eine erfahrene Trauma-Therapeutin findet, die ihr hilft, die Erlebnisse zu verarbeiten und die Ängste zu besiegen. Melanie fasst neuen Mut und möchte ihr Leben drastisch verändern, um die Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Sie ist überzeugt: „Wenn man positiv denkt, kann man auch im Körper sehr viel Positives bewirken.“

„Wenn man positiv denkt, kann man auch im Körper sehr viel Positives bewirken.“

Am Rande des Existenzminimums

In Melanies „neuem“ Leben spielt Biodanza eine große Rolle, eine Art Tanztherapie, die sie in einer psychosomatischen Klinik kennengelernt hat. „Durch Biodanza spüre ich wieder, wie es ist, Freude zu empfinden“, sagt sie und lächelt überglücklich. „Diese wunderbare Erfahrung möchte ich gerne an andere Menschen in einer ähnlichen Lebenssituation weitergeben.“

Daher beschließt sie, eine Ausbildung zur Biodanza-Lehrerin in Leipzig zu absolvieren. Doch wie soll sie das finanzieren? Seit Beginn ihrer Krebserkrankung quälen sie große finanzielle Sorgen.

Ganze 372 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente bleiben ihr monatlich zum Leben, hinzu kommt ein kleiner Zuschuss aus der Pflegeversicherung.

Armutsfalle Krebs - Melanie in der Natur_Bildnachweis Claudia Masur

„Die Sorge um meine Existenz bringt mich immer wieder an meine Grenzen.“

Ins Kino gehen, Urlaub machen, ein Einkaufsbummel – all das, was für andere Menschen selbstverständlich ist, ist für Melanie einfach nicht mehr drin. Selbst am Essen muss sie sparen, und jede noch so kleine Rechnung bereitet ihr schlaflose Nächte. Hinzu kommen die krankheitsbedingten Mehrausgaben – für spezielle Medikamente und Vitaminpräparate sowie für Laboruntersuchungen, die die Krankenkasse nicht bezahlt, aber auch für die langen Fahrten zu ihrer Trauma-Therapeutin. „Es fühlt sich an, als ob ich dafür bestraft werde, dass ich so jung krank geworden bin.“

Melanie im Spanischkurs: - Bildnachweis Claudia Masur

Melanie zieht zurück in ihr altes Kinderzimmer

Um die Miete zu sparen, zieht Melanie 2018 wieder zu ihrem Vater. Sie führt dort auf dem Land fast zwei Jahre ein bescheidenes, aber auch sehr einsames Leben in ihrem alten Kinderzimmer. Immerhin einen Teil der Kosten für die Biodanza-Ausbildung kann sie so zusammensparen.

Aufgeben kommt für sie jedoch nicht infrage: „Ich war schon immer eine Kämpfernatur.“ Ihre dreijährige Ausbildung zur Biodanza-Lehrerin will sie unbedingt abschließen, denn sie ist für Melanie der Schlüssel in eine neue Zukunft.

Trommeln kann Gefuehlen Ausdruck verleihen_Bildnachweis: Claudia Masur

Finanzielle Unterstützung durch den Härtefonds

Durch die sachsen-anhaltische Krebsgesellschaft erfährt sie vom Härtefonds der Deutschen Krebshilfe. Mit diesem Hilfsfonds unterstützt die Stiftung Menschen, die durch ihre Krankheit unverschuldet in finanzielle Not geraten sind.

Auch Melanie erhält eine einmalige Zuwendung und ist dafür sehr dankbar. „Für mich ist das nicht einfach nur ein Geldbetrag. Durch diese Unterstützung muss ich mir mehrere Monate lang keine Sorgen mehr machen, wie ich meine Ausbildung finanzieren kann.“

„Durch diese Unterstützung muss ich mir mehrere Monate lang keine Sorgen mehr machen, wie ich meine Ausbildung finanzieren kann.“

Informationen zum Härtefonds

Dass eine Krebserkrankung die Betroffenen in äußerste finanzielle Not bringen kann, erfährt die Deutsche Krebshilfe tagtäglich in ihrer Arbeit. So ist etwa jeder zehnte Anrufer beim Informations- und Beratungsdienst INFONETZ KREBS mit einer solchen Notsituation konfrontiert – bis hin zur Armut. Dieses Problem hatte auch Mildred Scheel, die Gründerin der Deutschen Krebshilfe, schon früh erkannt. Bereits 1976 hat sie den Härtefonds ins Leben gerufen.

Rund 10.000 Anträge gehen jedes Jahr beim Härtefonds der Deutschen Krebshilfe ein. Allein im Jahr 2019 wurden auf diesem Weg 4,6 Millionen Euro an mehr als 7.400 bedürftige Menschen ausgezahlt. Bis heute hat die Organisation insgesamt rund 133 Millionen Euro für den Hilfsfonds bereitgestellt.

„Wir prüfen alle Anträge sehr genau und entscheiden nicht pauschal, damit unsere Unterstützung auch wirklich denen zugutekommt, die sie dringend benötigen. Eine finanzielle Hilfe ist grundsätzlich möglich, wenn bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschritten werden“, sagt Beate Hübinger, die Leiterin des Härtefonds. „Am Ende des Tages gehe ich immer mit einem guten Gefühl nach Hause, wenn wir Menschen in Not helfen konnten.“

Armutsrisiko Krebs: Verschärfung durch die Corona-Krise

Auch wissenschaftlich ist inzwischen belegt, dass eine Krebserkrankung die wirtschaftliche Situation vieler Betroffener beeinflusst – darunter junge Patienten, Familien, deren Hauptverdiener erkrankt, Selbstständige, Alleinstehende oder Menschen mit geringem Einkommen. Diese Situation wird derzeit durch die COVID-19-Pandemie noch verschärft. Das betrifft vor allem Menschen, die wegen Kurzarbeit oder aber wegen einer bereits erfolgten Kündigung finanzielle Einbußen haben. Das weiß auch Beate Hübinger vom Härtefonds. Doch nicht erst seit der Corona-Krise sieht die Deutsche Krebshilfe auf diesem Gebiet akuten Handlungsbedarf.

Appell an die Politik

Gemeinsam mit dem Bundesverband – Haus der Krebs-Selbsthilfe hat sie sich kürzlich mit einem Positionspapier an die Politik und Sozialversicherungsträger gewandt, um im gemeinsamen Dialog Verbesserungen für Krebspatienten anzustoßen. Veränderungen und Verbesserungen erwarten die beiden Organisationen insbesondere beim Krankengeld, der Rehabilitation sowie der beruflichen Wiedereingliederung, aber auch bei der finanziellen Absicherung in Ausbildungszeiten.

Auch Melanie hofft, von dieser politischen Initiative profitieren zu können. Und dass sich weiterhin viele Menschen für die Deutsche Krebshilfe engagieren, damit der Härtefonds auch zukünftig Krebspatienten in Not unterstützen kann.

Übrigens: Melanie engagiert sich seit 2016 als Botschafterin für die Deutsche Krebshilfe.

Interview: Krebspatienten entlasten

Ulrich Kurlemann Universitaetsklinikums Muenster

Ulrich Kurlemann, Leiter Sozialdienst / Case Management des Universitätsklinikums Münster

Herr Kurlemann, erhöht eine Krebserkrankung das Armutsrisiko?

„Ja, Krebspatienten haben definitiv ein höheres Armutsrisiko. Chronische Behandlungsverläufe und ein eingeschränktes Leistungsvermögen führen oft zu Einkommensverlusten durch den Bezug von Krankengeld, Arbeitslosengeld oder Erwerbsminderungsrente. Höhere Ausgaben aufgrund der Krankheit können die finanzielle Situation zusätzlich belasten. Auch das Einkommen, der soziale Status und die individuelle Familienkonstellation spielen eine Rolle.“

Welche Hürden müssen Betroffene überwinden, um finanzielle Unterstützung zu erhalten?

„Viele Patienten wissen gar nicht, welche Unterstützungsangebote es gibt und wie sie diese in Anspruch nehmen können. Darüber hinaus erschweren bürokratische und formelle Anforderungen, wie komplizierte Antragswege oder zeitlich enge Fristen, oftmals die Antragstellung. Hier können die Sozialdienste in den Kliniken oder etwa Krebsberatungsstellen Betroffene unterstützen.“

Was muss sich ändern, um die finanzielle Situation von Krebspatienten zu verbessern?

„Eine Krebserkrankung kann einen sehr langen Verlauf haben. Mitunter sind die Patienten noch mitten in der Therapie, wenn ihr Anspruch auf gesetzliches Krankengeld endet. Hier wären deutlich längere Bezugszeiten wünschenswert. Darüber hinaus sollten besondere Arbeitsmodelle wie Homeoffice oder Teilzeitarbeit geschaffen werden, die leistungsgeminderten Betroffenen die Rückkehr ins Erwerbsleben erleichtern. Auch das Niveau der Erwerbsminderungsrenten sollte angehoben und an die Erkrankungssituation angepasst werden.“

Weitere Informationen

  • Kostenfreie persönliche Beratung erhalten Betroffene und Angehörige beim INFONETZ KREBS.
  • Wichtige Informationen zu Sozialleistungen sind im Wegweiser zu Sozialleistungen erhältlich.
  • Zudem können Krebspatienten beim Härtefonds kurzfristig finanzielle Hilfe beantragen.
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