Anne-Sophie Mutter: Neue Präsidentin der Deutschen Krebshilfe


Anne Sophie Mutter, Präsidentin Deutsche Krebshilfe

Anne-Sophie Mutter ist neue Präsidentin der Deutschen Krebshilfe. Im Gespräch mit Christiana Tschoepe, Leiterin Kommunikation der Deutschen Krebshilfe, erklärt die Star-Geigerin, warum Empathie so wichtig ist, wie sie das neue Amt ausfüllen will und welche Rolle die Musik dabei spielt.

„Liebe Frau Mutter, uns interessiert brennend, was Sie dazu bewogen hat, das Ehrenamt der Präsidentin der Deutschen Krebshilfe zu übernehmen.“

Christiana Tschoepe

Christiana Tschoepe, Leiterin Kommunikation Deutsche Krebshilfe
Anne-Sophie Mutter, Präsidentin Deutsche Krebshilfe

„Meine Gründe, dieses sehr verantwortungsvolle und ehrenhafte Amt anzunehmen, sind vielfältig. Zum einen bin ich Musikerin geworden, weil ich von klein auf der Überzeugung bin, dass Musik ein wichtiges Bindeglied in der Gesellschaft ist. Sie ist vielleicht nicht unbedingt medizinisch relevant – auch wenn das in Zukunft noch wissenschaftlich verfolgt werden könnte. Musik ist eine Sprache, die Menschen zusammenbringt. Sie ist vielleicht auch die einzige Möglichkeit, ungeachtet unserer kulturellen oder auch glaubensbedingten Wurzeln, völlig unvoreingenommen aufeinanderzutreffen und emotionale sowie intellektuelle Inhalte zu teilen.

Natürlich hat der Krebstod meines Mannes in den 1990er Jahren mein Leben nicht nur völlig auf den Kopf gestellt. Er hat auch mein Bewusstsein für die Notwendigkeit, mich noch stärker gegen Krebs zu engagieren, befeuert. Deshalb ist mir dieses wunderbare Amt der Präsidentin der Deutschen Krebshilfe ein tiefes Bedürfnis. Dies resultiert aus meiner Vita und meiner direkten Erfahrung mit dem Krebs, aber auch aus der Tatsache, dass jeder zweite von uns statistisch gesehen irgendwann von dieser Krankheit heimgesucht werden kann. Neben einer innovativen Forschung und einer zielgerichteten und möglichst schonenden Behandlungsweise, verkörpert die Deutsche Krebshilfe auch immer wieder die menschliche Ansprache, Verständnis, Empathie und die Entstigmatisierung dieser Krankheit.

Mein Mann, der Anwalt war, und ich haben damals versucht seine Krebserkrankung zu verschweigen. Erstens weil meine Familie und ich sehr private Menschen sind. Zum anderen aber auch, weil in den 1990er Jahren das Stigma Krebs und das Vorurteil, dass man während der Therapie kein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft ist, für meinen Mann psychisch enorm belastend war. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, das allein durchzustehen. Nun haben heutzutage Gott sei Dank Betroffene und Angehörige die Möglichkeit, sich sozial und psychologisch beraten und unterstützen zu lassen. Jeder dritte Patient nimmt dieses Angebot auch wahr. Das sind wichtige Bausteine, die mich dazu gebracht haben, dieses Amt mit großer Freude, aber auch mit sehr tiefem Ernst anzunehmen.“

Anne-Sophie Mutter

„Ein Mensch ist kein Wagen, der durch eine TÜV-Prüfung geht.“

„Frau Mutter, Sie sprechen von Stigmatisierung. Der Vater ihrer Kinder ist vor 27 Jahren an Lungenkrebs gestorben. Was hat Ihnen damals geholfen? Oder besser, was hätte Ihnen, Ihrem Mann und Ihrer Familie damals geholfen, als Sie Stigmatisierung erfahren haben und eigentlich nicht über die Krankheit reden durften?“

Christiana Tschoepe

Christiana Tschoepe, Leiterin Kommunikation Deutsche Krebshilfe
Anne-Sophie Mutter, Präsidentin Deutsche Krebshilfe

„Interessanterweise steht vor allem bei der Palliativmedizin auch das seelische Wohl des Patienten im Blickpunkt – aus meiner Sicht etwas spät. Ich halte das für grob fahrlässig. Emotionale Intelligenz, die Fähigkeit zu kommunizieren und den Patienten empathisch zu leiten muss bereits in die Ausbildung von Medizinern integriert werden und sollte zu den sogenannten „Professional Skills“ gehören. Das hätte mir damals geholfen. Sicherlich sind wir durch die Krankheit auch zusammengeschweißt worden. Aber es gibt zwei Dinge, die mich belastet haben: Erstens das Versäumnis des Arztes, zweitens die Empathielosigkeit in der Situation.

In den 1990er Jahren ging man, oder zumindest der behandelnde Arzt, davon aus, dass man als Nichtraucher nicht an Lungenkrebs erkranken könne. Es wurden grobe diagnostische Fehler begangen, die wertvolle Monate der Früherkennung verstreichen ließen.  Darum möchte ich mich dezidiert für Prävention und Früherkennung engagieren, wohl wissend, dass mein verstorbener Mann zu den 20 Prozent Nichtrauchern gehörte, die an Lungenkrebs erkranken. Durch das Versäumnis des Arztes, die darauffolgende Diagnose des Chirurgen und die sehr schleppende Behandlung, empfand ich die Onkologie in den 1990er Jahren als geradezu mittelalterlich. Wenn ich das als Privatperson und nicht nur als Präsidentin sagen darf: Ich würde mir in der Ausbildung der Ärzte für Patienten und Angehörige wünschen, dass Ärzte eine klare Sprache sprechen und auch ihre empathische Seite zeigen. Denn ein Mensch ist kein Wagen, der durch die TÜV-Prüfung geht: Mir wurde diese Diagnose damals wie so ein TÜV-Prüfschein hingelegt mit definitivem Enddatum.

Es ist wunderbar zu sehen, was sich durch die vielen Initiativen der Deutschen Krebshilfe, gerade was Beratungsgespräche und die Möglichkeit von Betroffenen, sich mit anderen Betroffenen zu unterhalten, getan hat, auch im seelischen Umfeld. Das halte ich für eminent wichtig.

Und ich denke das allerwichtigste ist Prävention, und diese muss im Kindesalter anfangen. Das muss schon mit der Folgemilch beginnen, die vollgepumpt ist mit Zucker. Wir wissen, dass Zucker in keinem Fall eine gesunde Substanz ist. Ich bin kein Arzt, aber wenn wir von Prävention sprechen, müssen wir auch wirklich Tacheles reden. Und dann muss man auch Nahrungsmittel ins Visier nehmen, von denen bekannt ist, dass sie gesundheitsschädigend sind. Wenn es uns gelingt, dieses Bewusstsein in der Kindheit schon auf den richtigen Weg zu bringen, wäre das einer von vielen Bausteinen und einer der wenigen, auf die wir Einfluss haben.“

Anne-Sophie Mutter

„Sie betonen das Miteinander und die Empathiefähigkeit: Was für ein Mensch ist Anne-Sophie Mutter? Sie haben sich mal als Überlebenskünstlerin bezeichnet. Was zeichnet Sie als solche aus?“

Christiana Tschoepe

Christiana Tschoepe, Leiterin Kommunikation Deutsche Krebshilfe
Anne-Sophie Mutter, Präsidentin Deutsche Krebshilfe

„Naja, das ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen. Die wirklichen Helden des Alltags sind diejenigen, die einen Syrienkrieg und auch eine Krebserkrankung durchstehen. Ich bin, wenn es um derart leidvolle Erfahrung geht, lediglich ein zutiefst empathischer Begleiter. Aber ich glaube, dass die Musik und auch die Schicksale von Künstlern in den vergangenen Jahrhunderten und deren großartige Leistung, auch für die Menschheit wichtig sind. Nehmen wir Beethoven und Schiller und deren philosophischen Gedanken, dass wir uns vielleicht doch erkennen können als Bruder und Schwester.

Das ist das Wunderbare an der Deutschen Krebshilfe, dieses „alle für einen“, nämlich die Bürger für die Stiftung. Genauso aber auch „einer für alle“, die Stiftung für die Bürger. Das ist auch mein Lebensmotto und damit deckungsgleich mit dem, wofür wir als Deutsche Krebshilfe stehen. Daraus hat sich auch eine gewisse Überlebenskraft für mich generiert. Mein Blick ist in Krisensituationen fast automatisch nach außen gerichtet: Wem geht es jetzt wirklich schlecht? Dieser Blick nach außen und der damit verbundene Wunsch, zu helfen, haben mir eine gewisse Resilienz gegeben. Daraus schöpfe ich Kraft. Vielleicht kann ich deshalb auch ein sinnvolles Mitglied unserer Gesellschaft sein.“

Anne-Sophie Mutter

„Mein Blick ist in Krisensituationen fast automatisch nach außen gerichtet.“

„Das Themenspektrum der Deutschen Krebshilfe ist, wie das Motto „Helfen. Forschen. Informieren“ zeigt, vielfältig. Sie haben eben die Palliativmedizin und die Prävention schon erwähnt. Worauf möchten Sie Ihren Fokus legen?“

Christiana Tschoepe

Christiana Tschoepe, Leiterin Kommunikation Deutsche Krebshilfe
Anne-Sophie Mutter, Präsidentin Deutsche Krebshilfe

„Früherkennung und Prävention bedeuten, dass wir als Bürger zuverlässig sämtliche uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten wahrnehmen. Seien es die unterschiedlichen Vorsorgeuntersuchungen, etwa was Darm- oder Brustkrebs angeht. Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten der Bildgebung und der Blutuntersuchung. Dadurch lässt sich vieles, nicht alles aber immer mehr, zu einem frühen Zeitpunkt zu erkennen. Das gibt uns eine gute Chance, frühzeitig einzusteigen und die Therapien in Angriff zu nehmen.

Eine gesunde Lebensweise ist zudem etwas, das, unabhängig von Umweltgiften, auf die wir nur minimalen Einfluss haben, sicher eine wichtige Rolle spielt. Nicht zu rauchen ist unbedingt wünschenswert. Ich trinke ab und zu ein Glas Rotwein, aber das hält sich in Grenzen. Im Übrigen geht es nicht darum, ein Rezept für das ewige Leben zu finden, sondern die Qualität des Alltags soweit möglich durch unsere Verhaltensweisen zu verbessern und dadurch ein energiereicheres, selbstbestimmteres Leben führen zu können. Wenn das dazu führt, dass in vielen Punkten eine Erkrankung hinausgezögert, oder vielleicht sogar vermieden, werden kann, ist das großartig.

Ich finde es zudem wichtig, dass bei einer Krebserkrankung die ganze Familie im Fokus steht. Die Deutsche Krebshilfe finanziert daher den Bau von Familienhäusern in direkter Nähe zur behandelnden Klinik. Eltern und Geschwister krebskranker Kinder können so Tag und Nacht in der Nähe der kleinen Patienten sein. Diese körperliche Nähe ist für die Therapie eminent wichtig, sowohl für das Kind als auch die Eltern und Geschwister in dieser schweren Zeit der Trennung, der Ängste und der Sorgen. Sie können so eine Art Normalität weiterführen. Außerdem liebe ich Kinder, nicht nur meine eigenen, aber die besonders. Irrsinnig wichtig ist, dass wir neben Prävention und Früherkennung auch einen Blick auf die kleinen Patienten und auf das familiäre Umfeld haben.

Weiterhin wünsche ich mir für die palliative Pflege, dass wir das Augenmerk auf den Ton, der die Musik macht und der die Diagnose abpuffern kann, richten. Hier können wir früh positiv einwirken auf ein Klima des empathischen Mittragens und nicht einer Urteilsverkündung.“

Anne-Sophie Mutter

„Wir kommen an Anne-Sophie Mutter natürlich nicht vorbei, wenn wir nicht auch über Musik sprechen. Welche Rolle hat für Sie die Musik bei Ihrer neuen Aufgabe?“

Christiana Tschoepe

Christiana Tschoepe, Leiterin Kommunikation Deutsche Krebshilfe
Anne-Sophie Mutter, Präsidentin Deutsche Krebshilfe

„Ich bin Musikerin mit Leib und Seele. Auch als passiver Zuhörer erfahre ich immer wieder, dass Musik – aber auch bildende Kunst – eine wunderbare Insel ist, auf die man sich gedanklich und emotional zurückziehen kann. Musik ist einer der wenigen Momente, sowohl rezeptiv als auch wenn ich sie aktiv ausübe, in denen wir bei uns selbst sind. Ich glaube, wenn es etwas gibt das die Musik auszeichnet, dann ist es die schon fast automatische Reaktion von uns, uns darauf einzulassen, in diesem Moment, im Konzertsaal. Darum sind Live-Auftritte auch so wichtig. Es besteht immer die Gefahr, dass wir Musik hören und nebenher kochen, sprechen oder etwas anderes tun. Ich spreche aber jetzt von dem magischen Moment, in dem tausende von Menschen dasselbe erleben, empfinden und alles was sonst ist abstellen.

Interessanterweise gibt es weltweit sehr viele Ärzte-Orchester, das wirkt wie eine fast natürliche Verbindung des Mediziners zur Musik. Als wäre es wichtig, einen Ausgleich zu schaffen und sich in der Musik verlieren zu können, weit ab von Fakten und auch -neben den vielen positiven Erlebnissen- immer wieder der Grenzweisung der Medizin. Die Musik ist ein Fenster in eine andere Dimension. Ich wünsche mir, dass es uns gelingen möge in der noch langen andauernden Geschichte der Deutschen Krebshilfe, weit über mein Wirken hinaus, die akademische Wirkung der Musik auf dem Bereich der medizinischen Themen zu erforschen. Vielleicht können wir Musik- und Kunsttherapie unmittelbarer in ein Behandlungskonzept, das vor dem palliativen Moment kommt, einarbeiten. Als eine ganz neue Art des Erlebens und Erfahrens.“

Anne-Sophie Mutter

„Im Zeit-Magazin im Dezember vergangenen Jahres haben Sie gesagt, Sie wollen 2021 ein Sabbatical einlegen, um mit Ihrer Musik etwas Sinnvolles zu tun und der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Hatten sie zu diesem Zeitpunkt schon die Deutsche Krebshilfe im Hinterkopf?“

Christiana Tschoepe

Christiana Tschoepe, Leiterin Kommunikation Deutsche Krebshilfe
Anne-Sophie Mutter, Präsidentin Deutsche Krebshilfe

„Nein, damals noch nicht. Ich hatte das Interview Monate vor Erscheinen gegeben, sehr wahrscheinlich sogar schon vor Beginn der Pandemie. Inzwischen hat das Sabbatical-Jahr im Frühling 2020 begonnen und ist immer noch nicht zu Ende. Mein großer Traum war und ist ein Projekt zu realisieren, gemeinsam mit einem sehr guten Freund, der Neurologe und Musiker ist und für das Internationale Deutsche Rote Kreuz arbeitet. Mein Plan war eigentlich in den Jemen und nach Syrien zu reisen und Musik mitzubringen. Vielleicht nicht mit meiner Stradivari, aber wirklich etwas Sinnvolles zu tun. Nun macht die Pandemie Reisen unmöglich, aber vielleicht ist es ja innerhalb Deutschlands irgendwann möglich, dass meine Stipendiaten und ich im Rahmen von Pilotprojekten zeigen, wie Musiktherapie funktionieren könnte. Indem wir zum Beispiel in einem der Onkologischen Spitzenzentren, die die Deutsche Krebshilfe fördert, auftreten. Ich glaube, der Mensch ist mehr als die Summe von Laborberichten. Darauf möchte ich unter anderem mein Augenmerk richten und mich mit Leidenschaft dafür einsetzen.“

Anne-Sophie Mutter

„Frau Mutter, wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit Ihnen. Vielen Dank für das Interview.“

Christiana Tschoepe

Christiana Tschoepe, Leiterin Kommunikation Deutsche Krebshilfe

Weitere Informationen

Experten schätzen, dass rund 40 Prozent aller Krebserkrankungen durch eine gesunde Lebensweise vermieden werden können. Im Umkehrschluss bedeutet das nicht, dass Krebspatienten ihre Erkrankung selbst verschuldet haben. Denn Krebs entsteht nicht nur aufgrund bekannter und somit vermeidbarer Risikofaktoren. Auch zufällige genetische Fehler bei der Zellteilung können zu Krebs führen.

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