Sport gegen Krebs: So kann Jan vergessen


Mit acht Jahren erkrankt der sportbegeisterte Jan an Knochenkrebs. Im Kampf gegen die Krankheit unterstützen ihn die „ActiveOncoKids“. Das von der Deutschen Krebshilfe finanzierte Projekt ermöglicht Sport gegen Krebs im Klinikalltag.

Sport gegen Krebs hilft im Klinikalltag

Mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht schnappt sich Jan einen kleinen Gummiball mit bunten Fäden, kneift das linke Auge zu, zielt auf seine Sporttherapeutin und wirft den Ball mit Schwung in ihre Richtung. „Getroffen“, ruft er freudig und lacht. Jans Mutter, Simone Hilscher, schüttelt den Kopf über die freche Aktion ihres Sohnes, muss aber auch lächeln. Sie freut sich, Jan so fröhlich zu sehen. In Momenten wie diesem ist er ein normaler Neunjähriger, der ausgelassen ist und Spaß beim Sport hat. So wie früher, als er noch nicht mit dem Rollstuhl durch Klinikflure geschoben wurde und ständig aufpassen musste, dass sich die Kabel seines Infusionsständers nicht verheddern.

Ein sportliches Kind

Denn es ist noch kein ganzes Jahr her, da treibt der damals Achtjährige mindestens vier Mal die Woche Sport, kickt mit seiner Fußballmannschaft, macht Leichtathletik und trainiert für das goldene Schwimmabzeichen, das eigentlich erst für Ältere gedacht ist.

Auch in der Schule tobt Jan gerne mit seinen Freunden. So auch an einem Herbsttag im Oktober 2020, an dem der Grundschüler beim Fangen spielen abgelenkt wird und mit Wucht gegen einen Poller rennt. „Zum Glück ist das passiert“, wird Jan später sagen.

Jan macht Sport gegen Krebs

„Wir waren geschockt und fassungslos. Jan war doch topfit und sportlich“

Glücklicher Zufall

Zunächst sieht alles nach einem schmerzhaften, aber harmlosen Schulunfall aus. Nach dem Zusammenprall fährt Jan mit seiner Mutter ins nächstgelegene Krankenhaus nach Viersen. Dort folgen zahlreiche Untersuchungen. Es gibt Auffälligkeiten am linken Oberschenkelknochen, sagen die Ärzte – sie können aber keine eindeutige Diagnose stellen. Krebs wird zunächst ausgeschlossen. Erst eine Biopsie bringt am 27. Januar 2021 schließlich traurige Gewissheit: Es handelt sich um ein frühes Stadium eines Osteosarkoms – Knochenkrebs. „Wir waren geschockt und fassungslos. Jan war doch topfit und sportlich“, erinnert sich Vater Ingo an den Moment der Diagnose. „Ab dann war man in der Maschinerie drin.“

Hinweis: Aktiv an 30 Standorten in Deutschland

Eine Krebstherapie ist für Kinder meist sehr anstrengend und kräftezehrend. In der Folge verliert ihr Körper an Muskelkraft, Ausdauer und Knochendichte. Damit das nicht passiert, fördert die Deutsche Krebshilfe bereits seit 2012 das Netzwerk ActiveOncoKids (zu Deutsch: aktive Onkologie-Kinder). Experten aus Sportwissenschaft, Physiotherapie, Psychologie und Kinderonkologie bieten krebskranken Kindern ein individuelles, spielerisches Bewegungsangebot während und nach der Therapie und unterstützen so dabei, einen sportlichen Wiedereinstieg in den Freizeit-, Vereins- und Schulsport zu finden oder neue Sportarten zu entdecken. Bewegung und Sport helfen dabei, die Krebserkrankung besser zu bewältigen, da sie Erschöpfungszustände reduzieren, das Stimmungsbild verbessern und somit das Wohlbefinden und die Lebensqualität steigern. Sie können möglicherweise auch therapie- und inaktivitätsbedingten Spätfolgen entgegenwirken. Neben Betroffenen berät und unterstützt das bundesweite Netzwerk vor allem auch Kliniken und Behandelnde beim Auf- oder Ausbau einer Bewegungstherapie vor Ort. Die Deutsche Krebshilfe unterstützt die Arbeit der derzeit 30 Standorte des Netzwerkes mit 250.000 Euro.

Jan macht Sport gegen Krebs

Vom normalen Grundschüler zum schwerkranken Kind

Die Maschinerie bedeutet in Jans Fall: Chemotherapie. Aus dem sportbegeisterten Grundschüler wird plötzlich ein schwerkrankes Kind, dessen Alltag aus langen Aufenthalten am Universitätsklinikum Essen und starken Nebenwirkungen besteht. Tapfer steht der quirlige Junge die ersten von insgesamt 18 Chemotherapie-Blöcken und eine Operation Mitte Mai durch. Bei dieser werden Teile des linken Oberschenkelknochens und das Kniegelenk entnommen und durch eine 16 Zentimeter lange Wachstumsprothese mit künstlichem Kniegelenk ersetzt.

Die Krankheit trifft die ganze Familie

„Die Krankheit hat unsere ganze Familie getroffen“, so Simone Hilscher über die ersten Wochen der Therapie. „Und wegen Corona können wir noch nicht mal gemeinsam in der Klinik sein.“ Sie und ihr Mann sind im Wechsel bei Jan im Krankenhaus oder zu Hause bei Jans älterem Bruder dem zwölfjährigen Tom. Dennoch hat die Familie die Krankheit mittlerweile akzeptiert. Die Vier sehen sogar das Positive an der Situation, denn nur durch den Sturz konnte der Tumor so früh erkannt und Schlimmeres verhindert werden. „Zeit ist da alles“, sagt Vater Ingo.

Sport gegen Krebs im Klinikalltag

„Wenn ich wieder gesund bin, will ich mal nach Paris.“

Sport gegen Krebs im Klinikalltag

Auch Jan nimmt die Herausforderung mit großem Ehrgeiz an. Er ist vor allem froh, dass er trotz dem Krebs Sport nicht weglassen muss. Dafür sorgt das von der Deutschen Krebshilfe geförderte Netzwerk „ActiveOncoKids“.

Hier bieten Experten aus Sportwissenschaft, Physiotherapie, Psychologie und Kinderonkologie krebskranken Kindern ein spielerisches Sportprogramm an, durch das sie dem kräftezehrenden und eintönigen Klinikalltag kurzzeitig entkommen können. Unter der großen Auswahl an Sportangeboten wie Koordinationsübungen, Schwimmen oder Klettern hat Jan seinen Favoriten schnell gefunden: „Alles mit dem Ball“. Für ihn hat der Sport gegen Krebs noch einen zusätzlichen Effekt: Er lernt, seiner Prothese zu vertrauen und das kranke Bein wieder normal zu belasten. Durch die vielen Chemotherapien hat der Junge oft mit Nebenwirkungen wie Übelkeit, Nasenbluten oder Fieber zu kämpfen. Deshalb machen die Sporttherapeuten der „ActiveOncoKids“ immer nur das, was gerade geht und wozu Jan Lust hat. Der Grundschüler ist nach jeder Sporteinheit fitter und fröhlicher. „Jan will ganz schnell wieder der Alte werden. Damit er seine Wünsche verwirklichen und seine Ziele erreichen kann“, erzählt Vater Ingo.

Neue Ziele im Blick

Einen dieser Wünsche musste der Neunjährige allerdings schon aufgeben: Fußball spielen, so wie früher, wird er leider nicht mehr können. Das wäre zu gefährlich für die Prothese. Neue Ziele müssen her und was das angeht, hat Jan schon eine genaue Vorstellung: „Wenn ich wieder gesund bin, will ich mal nach Paris.“ Zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder möchte er abends vor dem beleuchteten Eiffelturm stehen.

Bis dahin wird Jan noch viele weitere Bälle werfen und Hindernisparcours überwinden. Und auch nach erfolgreicher Krebstherapie will er das Sportangebot der „ActiveOncoKids“ nutzen. Dort kann er zum Beispiel Surfen lernen oder Kanu fahren. „Dann trifft er die Kinder wieder, die er in der Klinik kennengelernt hat. Da freut er sich schon drauf“, sagt sein Vater.

Sport gegen Krebs hilft Kindern

Wir schaffen das

Jan hat schon ein großes Stück seines eigenen Hindernisparcours Richtung Genesung geschafft, am Ziel ist er aber noch nicht. In einem Jahr wird er erneut operiert, weil dann seine Beinprothese der Körpergröße entsprechend angepasst werden muss. Wenn er 15 oder 16 Jahre ist, wird ein neuer Wachstumsmotor eingesetzt, damit das Bein mitwächst, bis der Junge ausgewachsen ist. Dass ihr Sohn das alles meistern wird, daran haben seine Eltern keine Zweifel. „Wir schaffen das. Unser Jan ist ein starker Junge.“

Fachinterview: Rückkehr in einen aktiven Alltag – mit Sport gegen Krebs

Dr. rer. medic. Miriam Götte

Dr. rer. medic. Miriam Götte, Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Essen, ist Mitbegründerin und Sprecherin des Netzwerks ActiveOncoKids

Wie kann Bewegung Kindern während der Therapie helfen?

Krebskranken Kindern Bewegung zu ermöglichen, bedeutet in erster Linie, ihnen ihr Recht auf altersgerechte Bewegungsmöglichkeiten und -förderung wieder einzuräumen – weil Bewegung zum Kindsein dazugehört. Weiter deuten Studien darauf hin, dass die körperliche Leistungsfähigkeit verbessert oder erhalten, Müdigkeit und Fatigue verringert und das Wohlbefinden gesteigert werden kann.

Gibt es Sportarten, die sich besonders gut während einer Krebstherapie eignen?

In modifizierter Form und für eine spielerische Bewegungstherapie eignen sich nahezu alle Sportarten. Darüber hinaus liegen nur sehr selten begründbare Verbote für Fahrradfahren oder Ballspiele vor. Wichtig ist die Absprache im interdisziplinären Behandlungsteam und selten gibt es dann echte Gründe gegen Sportarten wie Klettern, Paddeln, Ballsport oder Tanzen. Auch Schwimmen ist erlaubt – und sogar sehr sinnvoll.

Was ist das Ziel des Netzwerks ActiveOncoKids?

Das Hauptziel des Netzwerks ist es, Kindern und Jugendlichen mit und nach dem Krebsg Sport und Bewegung zu ermöglichen. Dies ist nur mit einem ganzheitlichen Ansatz möglich, der sich an Betroffene, aber auch Behandlerteams und Sportanbieter richtet. Ein solcher Ansatz umfasst beispielsweise kostenlose Bewegungsberatungen sowie die Entwicklung von medizinischen Leitlinien und Handlungsempfehlungen.

Benötigen Sie Hilfe?

Eine persönliche, kostenfreie Beratung durch das INFONETZ KREBS erhalten Sie montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr unter der Telefonnummer 0800 / 80 70 88 77 oder per E-Mail: krebshilfe@infonetz-krebs.de.

Infonetz Krebs - Wissen schafft Mut
vorheriger Beitrag Nanotechnologie: Gezielter Angriff auf bösartige Zellen
nächster Beitrag Was Krebspatienten zum Coronavirus wissen müssen