Nach dem Krebs: Ich lebe im Jetzt


Nach dem Krebs_Ich lebe im Jetzt

Vor sieben Jahren erkrankte Hiltrud an Brustkrebs. Zwei Jahre später wird bei der Kölnerin Schilddrüsenkrebs diagnostiziert. Heute gilt sie als sogenannte Langzeitüberlebende.

Die warme Oktobersonne blitzt durch das Fenster. Hiltrud sitzt konzentriert am Küchentisch und schneidet Obst. „Das ist meine Bio-Nachsorge“, erklärt die 51-Jährige augenzwinkernd. Eine gesunde Ernährung, das sei ihr schon immer wichtig gewesen. Aber nach ihren beiden Krebserkrankungen lebe sie auch in dieser Hinsicht noch bewusster. Hiltrud hält kurz inne, greift nach einem Apfel und fängt an, zu erzählen.

Die Diagnose Krebs

„Im August 2012 hatte ich einen Termin bei meiner Frauenärztin. Sie hatte drei Monate zuvor eine Zyste in der Brust entdeckt. Das wollte ich einfach kontrollieren lassen. An eine Diagnose wie Krebs dachte ich überhaupt nicht.“ Da ihre Frauenärztin zu dem vereinbarten Termin verhindert ist, wird sie von einem Kollegen vertreten. Der Kölner Facharzt ist auf Brustultraschall spezialisiert und sieht auf dem Monitor zwar keine Zyste, doch auffälliges Gewebe. Hiltrud will schnellstmöglich Gewissheit und lässt zwei Tage später eine Gewebeprobe entnehmen. Das Ergebnis erschüttert ihr ganzes bis heriges Leben: Brustkrebs.

Nach dem Krebs: Lebt jetzt.

Da der Tumor von den Ärzten als sehr aggressiv eingestuft wird, muss Hiltrud eine kräftezehrende Therapie durchleben: Auf eine viermonatige Chemotherapie folgt eine Operation, dann die Bestrahlung. „Die Chemotherapie habe ich nicht gut vertragen“, so Hiltrud rückblickend.

Übelkeit und Nebenwirkungen wie Fatigue, aber auch der Haarausfall machen ihr zu schaffen – physisch und psychisch. Und nicht nur das: Auch beruflich muss Hiltrud kämpfen. Ihr Vertrag bei einer Zeitarbeitsfirma wird nicht verlängert. Hiltrud muss sich einen neuen Arbeitgeber suchen – eine unglaubliche Belastung.

Der Zufallsbefund

Eine 40-Stunden-Woche hält sie nicht mehr so einfach durch – da ist sie sich sicher. „Der Tumor wurde zwar vernichtet, doch musste sich mein Körper komplett umstellen und ich verlor merklich an Kraft. Ich kam früher als gewöhnlich in die Wechseljahre, schlafen konnte ich auch nicht gut.“ In einer Rehabilitationsklinik auf Föhr tankt sie neue Kraft. Dank viel Bewegung und gesundem Essen kommt langsam die gewohnte Energie wieder. Doch zwei Jahre später muss sie erfahren, dass der Krebs nicht besiegt ist. Während eines Eingriffs an der Schilddrüse entdeckt der Operateur einen Tumor und entfernt das gesamte Organ.

Als Hiltrud aus der Narkose aufwacht und davon erfährt, ist sie erschrocken und entsetzt. Wieder Krebs! „Glücklicherweise habe ich rechtzeitig die Schilddrüse operieren lassen. Sonst säße ich heute nicht hier.“ Sie atmet auf: Die Behandlung nach der Operation ist verglichen mit einer Chemotherapie eher harmlos. Die sogenannte Radiojodtherapie dauert insgesamt zehn Tage und hat das Ziel, noch vorhandene Krebszellen zu entfernen.

Langzeitüberleben mit Folgen

Hiltrud lebt bis heute mit den Folgen der Therapie nach der Brustkrebsdiagnose. Wie sie berichten immer mehr Menschen von ihrer erfolgreich über standenen Krebserkrankung. Während früher die Diagnose Krebs in vielen Fällen einem Todesurteil gleichkam, verläuft die Erkrankung heute oft chronisch. Allein in Deutschland leben rund vier Millionen Menschen, die dank moderner diagnostischer und therapeutischer Verfahren den Krebs überlebt haben.

In den USA hat sich daraus eine ganze Bewegung entwickelt, die sich „survivors“, zu Deutsch Überlebende, nennen. Der Alltag als Langzeitüberlebende, so Hiltrud, habe einfach eine andere Qualität. Der Krebs hat seelische und körperliche Spuren hinterlassen. Auch sozial: Sie muss sich finanziell einschränken und trotzdem über die Runden kommen. „Natürlich,“ so Hiltrud, „bin ich froh, dass es mir heute gut geht. Wenn man überlegt, wie viele Krebs patienten ihre Erkrankung mittlerweile überleben – das ist schon ein gewaltiger Fortschritt.“ Auf die Frage, ob Hiltrud Angst hat zu Nachsorgeuntersuchungen zu gehen, antwortet sie offen:

Nach dem Krebs: Leben als Langzeitüberlebende

„Ja, vor der Mammographie habe ich immer sehr viel Angst.“ Gibt es keinen Befund, fällt der 51-Jährigen mehr als ein Stein vom Herzen. „Wenn ich von meinem Radiologen komme, laufe ich über die Deutzer Brücke. Und wenn alles gut gegangen ist, lasse ich meinen Ballast los. Es ist, als würden 10.000 Steine direkt in den Rhein fallen.“

Hiltrud: Mit aller Kraft gegen den Krebs

Nach dem Krebs: Spaziergang im Freien

An Hiltruds Füßen wird es unruhig. Enno, der Nachbarshund, fordert ihre Aufmerksamkeit. Hiltrud lächelt und grei€ft entschlossen zur Hundeleine. „Enno war mir während der Therapie eine große Stütze. Auch in schlechten Phasen haben mir die gemeinsamen Spaziergänge viel Freude bereitet.“ Während Enno übermütig an der Leine zieht, blickt Hiltrud strahlend in die Sonne. Nach wenigen Metern trifft sie die ersten Nachbarn. Nach einem kurzen, herzlichen Plausch geht es weiter, in Hiltruds Lieblingspark. „Ich liebe Pflanzen. Die Natur gibt mir Ruhe und Kraft,“ so die Kölnerin. Unter einer Trauerweide verweilt sie kurz. „Es ist wichtig, Dinge zu finden, die einem Spaß machen, und das Leben zu genießen. Und es ist wichtig, im Jetzt zu leben.“

Seit August ist Hiltrud Botschafterin der Deutschen Krebshilfe für ihre Kampagne „Mit aller Kraft gegen den Krebs – gemeinsam für das Leben“. In einer Videobotschaft setzt sie sich für Betroffene ein und macht ihnen Mut, dass das Leben mit und nach Krebs weitergeht.

Interview: Nahe am Patienten

Professorin Dr. Tanja Fehm, Direktorin Universitätsfrauenklinik Düsseldorf

Professorin Dr. Tanja Fehm, Direktorin Universitätsfrauenklinik Düsseldorf, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe.

Zu Ihnen kommen viele Brustkrebspatientinnen in der Nachsorge. Welche Ängste und Bedürfnisse haben sie?

Bei Patientinnen mit Kindern ist die Angst vor einem Rückfall sehr groß, da sie sich um die Betreuung ihrer Kinder sorgen. Kinderlose Paare beschäftigen sich meist intensiv mit der Frage, wann ein Kinderwunsch umgesetzt werden kann. Weitere wichtige Themen sind die Rückkehr in die Berufstätigkeit, aber auch Nebenwirkungen und Beschwerden wie Hitzewallungen, massive Gelenkschmerzen, Fatigue oder Konzentrationsstörungen.

Welche besondere Unterstützung benötigen Langzeitüberlebende?

Brustkrebspatientinnen sind meist lebenslang belastet und traumatisiert. Eine psychologische Betreuung sollte daher auch nach der Akutphase angeboten werden. Langzeitüberlebende benötigen außerdem ein intensiveres medizinisches „Follow-up“. Häufig wird „vergessen“, dass die Patientin vor Jahren eine onkologische Therapie erhalten und daher beispielsweise eine eingeschränkte Herz- oder Lungenfunktion hat. Es ist wichtig, gute Konzepte für Patienten mit bleibenden Nebenwirkungen nach onkologischer Therapie zu entwickeln.

Was bieten Sie Langzeitüberlebenden an?

Wir arbeiten im Brustzentrum eng mit einer Selbsthilfegruppe zusammen. Viele Langzeitüberlebende bleiben dieser Gruppe jahrelang treu und geben uns regelmäßig Feedback, wie wir auf ihre Bedürfnisse eingehen können. Der größte Informationsbedarf ist zu Ernährung, Sport und komplementärer Medizin. Hier bieten wir regelmäßig Seminare an.

Nachhaltig helfen

Immer mehr Menschen wie Hiltrud leben mit Krebs als chronischer Erkrankung. Die Deutsche Krebshilfe verfolgt mit allen ihren Aktivitäten stetig das Ziel, die Versorgungssituation der Betroffenen zu verbessern. Sie wird den Sorgen und Bedürfnissen von „Langzeitüberlebenden“ in Zukunft einen noch höheren Stellenwert einräumen als bisher und sieht hierzu auch ein gezieltes Förderschwerpunktprogramm vor.

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