Meine Kinder sind das größte Geschenk


Kinder nach Krebs

Ann Kristin ist jung, aufgeweckt und neugierig auf das Leben. Das sportliche Mädchen träumt von einer Karriere als Primaballerina. Doch dann die erschütternde Diagnose: Knochenkrebs. Sie kämpft und erzählt heute – 17 Jahre später – von ihren Erfahrungen.

Ballett war ihre Leidenschaft

Familienwunsch nach Krebs

Ann Kristins Geschichte beginnt, als sie mitten in der Pubertät steckt. Plötzlich verspürt die damals 15-Jährige Schmerzen im linken Bein. Bis zu diesem Zeitpunkt tanzt das aufgeweckte Mädchen zwei- bis dreimal in der Woche Ballett und Jazz in ihrem Heimatort nahe Bielefeld. Der ehrgeizige Teenager will später Primaballerina werden. Außerdem will sie mit ihren Freundinnen lange laute Clubnächte erleben und zu ohrenbetäubender Musik feiern. 

Doch die Schmerzen werden stärker. Als sie nicht mehr mit dem Bein auft reten kann, sucht sie mit ihren Eltern den Hausarzt der Familie auf. Dieser hat bereits einen furchtbaren Verdacht und veranlasst eine Kernspintomografie, um die Knochen des Beins und Beckens näher zu untersuchen. Der Hausarzt überweist Ann Kristin in das etwa eine Autostunde entfernte Clemenshospital in Münster.

Diagnose Knochenkrebs

Eine Biopsie des Unterschenkelknochens folgt, dann steht drei Wochen später die Diagnose fest. Was die Ärzte dem zierlichen Mädchen mitteilen, erschüttert sie tief und verändert ihr bisheriges Leben grundlegend. Ann Kristin hat Knochenkrebs. Innerhalb von Sekunden zerplatzt ihr Traum, Profitänzerin zu werden und später einmal auf Hamburgs Bühnen zu stehen.

Der Tumor, den die Ärzte in Ann Kristins Becken entdeckt haben, ist mit rund einem Liter bereits so groß wie eine Milchtüte. Es handelt sich um ein sogenanntes Ewing-Sarkom, die zweithäufigste Form von Knochenkrebs im Kindesalter. Die Überlebenschancen liegen bei nur 40 Prozent. Die Ärzte sind sich einig: Es muss umgehend mit der Krebstherapie begonnen werden. Ann Kristin wird in die Universitätskinderklinik Münster überwiesen, wo es einen spezialisierten Fachbereich für Krebserkrankungen im Kindes- und Jugendalter gibt. Sie wird von der Schule freigestellt. Mutter und Tochter besuchen noch einmal ihre Schulklasse – für das junge Mädchen ein Abschied auf ungewisse Zeit.

Die Therapie

Knapp vier Wochen nach ihrem ersten Arztbesuch bekommt Ann Kristin die erste von insgesamt zwölf Chemotherapie-Infusionen. Nach der sechsten Infusion wird der Tumor zusätzlich bestrahlt. Die Therapie schlägt an. Deshalb entschließen sich die Familie und ihre Ärzte, nicht zu operieren. „Wir hatten damals jeden Anhalt dafür, dass sie sehr gut auf die Chemotherapie anspricht“, betont Professor Dr. Heribert Jürgens, seinerzeit Leiter der Abteilung Pädiatrische Hämatologie und Onkologie am Universitätsklinikum Münster und Ann Kristins behandelnder Arzt. Jürgens ist führender Experte auf dem Gebiet der Ewing-Sarkom-Forschung. Die von ihm initiierten sogenannten Therapieoptimierungsstudien zum Ewing-Sarkom wurden und werden nach wie vor von der Deutschen Krebshilfe gefördert. Ann Kristin wird im Rahmen einer solchen Studie behandelt. Bei Professor Jürgens fühlt sie sich gut aufgehoben: „Er ist ein beeindruckender Mensch.“

Tapfer und routiniert bewältigt Ann Kristin ihren neuen Alltag im Krankenhaus: Einwöchige Aufenthalte auf Station 17 der Kinderonkologie des Universitätsklinikums Münster wechseln sich ab mit dreiwöchigen Phasen, in denen sie sich zuhause von „den Chemos“ erholen kann.

Die Atmosphäre auf der Kinderkrebsstation drückt auf die Stimmung der ganzen Familie. Ihre Freunde können sie nur mit Mundschutz besuchen. „Manchmal hatte ich auch keinen Bock mehr auf die Krankheit und die Chemo, aber trotzdem war für mich von Anfang an klar, dass ich wieder gesund werde.“

Die Familie richtet ihren Alltag nach Ann Kristins Bedürfnissen aus. Um jeden Tag bei ihrer kranken Tochter sein zu können, pausiert die Mutter in ihrem Job. „In dieser Zeit bin ich wirklich an meine Grenzen gegangen. Die ständige Sorge um meine Tochter und die nervenaufreibende Therapie haben mich fertig gemacht. Zuhause hatte ich ja auch noch ein zweites Kind, um das ich mich auch noch kümmern wollte“, so ihre Mutter rückblickend.

Kinder nach Krebs_Oma

Meine erste Perücke hieß Susi

Die Firma des Vaters spendet der Kinderkrebsstation des Uniklinikums Münster eine neue Küche. „Mama hat jeden Tag im Krankenhaus gekocht“, erinnert sich Ann Kristin. Sie genießt große Fürsorge, doch die Therapie hinterlässt sichtbare Spuren. Das junge Mädchen verliert drastisch an Gewicht und wiegt schließlich nur noch 43 Kilo. An manchen Tagen ist sie so schwach, dass sie im Rollstuhl sitzen muss. Ihre Haare fallen aus – ein Tiefpunkt für Ann Kristin.

„Das mit den Haaren war anfangs schon blöd“. Aber ich habe das Beste draus gemacht und mit den verschiedenen Haarteilen ging es dann. Meine erste Perücke hieß Susi.“

Nach zwölf „Chemos“ hat sie die Krebstherapie erfolgreich überstanden und die Ärzte finden keine Krebszellen mehr. Ein neues Leben liegt vor ihr: Sie holt ihr Fachabitur nach, macht eine Ausbildung in der Werbebranche, studiert später in diesem Bereich, sie bereist England und Australien und arbeitet anschließend als Leiterin einer Marketingabteilung, heiratet und wird schwanger. Der Krebs bestimmt nicht mehr ihren Alltag.

Familie nach Krebs

„Ich habe durch die Chemos ein leichtes Taubheitsgefühl in der linken Wade, da meine Nerven etwas geschädigt wurden. Aber ansonsten bin ich genauso fit wie all meine Freunde. Tanzen kann ich auch wieder. Nur Primaballerina werde ich wohl nicht mehr, aber das war auch eher eine jugendliche Spinnerei“, sagt Ann Kristin mit einem Lächeln. Die junge Frau hat heute eine andere Sicht auf das Leben: Sie will es im Hier und Jetzt mit ihren beiden Kindern genießen.

Prof. em. Dr. med. Heribert Jürgens

Interview: Ein voller Erfolg

Prof. em. Dr. med. Heribert Jürgens ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, am Universitätsklinikum Münster.

Wie kam es trotz Bestrahlung zu den beiden Schwangerschaften?

„Das Ewing-Sarkom war sehr ausgedehnt und mitten im Becken im Kreuzbein gelegen. Eine Operation hätte zu einer erheblichen Beeinträchtigung der Beweglichkeit geführt. Die Familie und wir Ärzte entschlossen uns deshalb gegen eine Operation. Neben den notwendigen Chemotherapien bestrahlten wir ausschließlich den Tumor. Da die Strahlentherapie die Fruchtbarkeit beeinflussen kann, wurden die Eierstöcke aus dem Strahlenfeld entfernt. Wie man sieht, ein Erfolg.“

Welche Fortschritte gibt es in der Therapie des Ewing-Sarkoms?

„Soeben sind die Ergebnisse unserer von der Deutschen Krebshilfe geförderten internationalen Ewing-Sarkom-Studie erschienen. Wir haben für Risiko patienten mit ungünstigem Ansprechen auf die konventionelle Chemotherapie eine sehr intensive Behandlungsalternative entwickelt, um so die Heilungschancen weiter verbessern zu können.“

Was lernen wir aus der Geschichte von Ann Kristin?

„Die Behandlungsmöglichkeiten und die anstehenden Entscheidungen immer ausführlich mit dem Patienten und seiner Familie zu besprechen und gemeinsam den richtigen Weg zu finden. Diese Gespräche sind für die Betroffenen von entscheidender Bedeutung, um die Erkrankung und die erforderlichen Behandlungsschritte annehmen zu können.“

Kinderwunsch und Krebs

Sie haben die Behandlung Ihrer Krebserkrankung abgeschlossen und möchten eine Familie gründen? Die Deutsche Krebshilfe ist für Sie da: Sie hilft, unterstützt, berät und informiert Krebskranke und ihre Angehörigen – selbstverständlich kostenlos. Zum Beispiel mit dem Ratgeber „Kinderwunsch und Krebs“.

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