Karin: „Jeder Patient hat sein eigenes Schicksal, jeder Krebs sein eigenes Bild“

Krankenschwester Karin, 48, lernte die Krankheit Krebs aus vielen verschiedenen Perspektiven kennen. Auch als unmittelbar Betroffene.

Nachdem sie ihrem Sohn erfolgreich durch die Leukämie-Therapie begleitete, erkranke Karin selbst zweimal an Krebs.

Ich bin 48 Jahre alt, examinierte Krankenschwester, verheiratet und Mutter von drei Kindern.

Krebs kenne ich leider von allen Seiten:

  • Als Krankenflegeschülerin begegnete ich Krebs zum ersten Mal. Jeder Patient hatte sein eigenes Schicksal, jeder Krebs sein eigenes Bild. Mit jedem Patienten hat man unterschiedlich mitgelitten.
  • Als Krankenschwester im Op wurde es ein klein wenig einfacher, da man die Patienten nicht persönlich kannte.
  • Als Mutter wurde es dramatisch und schwer: 2006 bekam unser damals dreijähriger Sohn Jonas eine akute Leukämie, nachdem er gerade alle Defizite aufgearbeitet hatte, die durch seine Frühgeburt in der 29. Schwangerschaftswoche entstanden waren. Neun Monate Chemotherapie und Bestrahlung brachten uns alle an unsere Grenzen – körperlich, emotional und auch finanziell. Mein Mann arbeitete in Vollzeit weiter, ich gab meinen 450 Euro-Job auf, bei dem ich durch Überstunden immer mehr verdient habe. Somit fehlten im Monat ca. 800 Euro. Unsere Mädchen waren damals sieben und neun und wurden hauptsächlich durch meine tollen Eltern betreut, die ihnen einen schönen Alltag aufrecht erhalten haben. Jonas sonniges, ausgeglichenes Gemüt war auch sehr hilfreich. Eine vierwöchige Familienreha in der Rehabilitationsklinik Katharinenhöhe hat uns allen sehr gut getan. Zwei Jahre musste Jonas dann noch Chemotabletten nehmen. Seit dem wächst und gedeiht er, ist heute 16 Jahre alt und 1,76 m groß und ein Sonnenschein in unserer Familie.
  • Als nächstes wurde ich dann als Tochter mit Krebs konfrontiert: im November 2016 wurde bei meinem 72-jährigen Vater Lungenkrebs diagnostiziert. Bereits metastasiert und ziemlich aggressiv. Eine meiner größten Stützen machte schlapp – und unsere ganze Familie litt mit. Schon im Februar 2017 verstarb er an einem Infekt, denn mit dem Krebs kam er bis dahin mit einer leichten Chemo ganz gut zurecht. Tragischwerweise hatte der Infekt seinen Ursprung in einem Keim, gegen den unser Sohn 2006 eine Prophylaxe bekam.
  • Nachdem dann die erste Trauer vorbei war, traf es dann MICH zum 1. Mal: Im April 2017 entdeckten mein Mann und ich in meiner rechten Brust einen Tumor. Zwei Tage später war klar: Brustkrebs, lobuläres Karzinom. Staging folgte, es wurden keine Metastasen gefunden. Vor meinem Krankenhausaufenthalt fuhren wir über Ostern dann für ein paar Tage zu unserer mittleren Tochter nach Österreich,  die dort eine Ausbildung macht. Zwei Freundinnen schenkten mir das Buch „Brüste umständehalber abzugeben“. In der Nacht vor der Op tröstete mich die Erzählung von Nicole Staudinger. Ich weinte, ich lachte, ich litt mit und konnte mir so aus Patientensicht das Kommende vorstellen. Rechts Mastektomie mit Expandereinlage und Lymphknotenentfernung (5 von 15 waren befallen) und links Reduktionsplastik, Chemo (GAIN2 STUDIE oberer Arm), tiefe Beinvehnenthrombose im gesamten linken Bein, Bestrahlung bis November.

    Ich hatte nicht viele Probleme mit Erbrechen oder Schleimhaut Probleme, jedoch Appetitmangel (-20kg) und massive Polyneuropathien (nach der ersten paar Sekunden Bewegung schalteten die Nerven in Nasenspitze, Zungespitze, Schamlippen, Händen und Fußsohlen ab). Zwischendurch konnte ich kaum 10 Meter gehen, die Treppen bin ich auf dem Po runter gerutscht. Weihnachten waren wir dann wieder in Österreich und lange Spaziergänge mit meiner Mutter im Schnee ließen die Erholung beginnen. Anfang Januar 2018 fuhr ich dann in die für mich beste Rehaklinik, die ich durch Zufall im Internet gefunden hatte: Die „Luise von Marillac“-Klinik in Bad Überkingen. Die drei Wochen haben mich so fit gemacht, dass ich anderthalb Wochen später mit der Wiedereingliederung angefangen habe und ab dem 9. März wieder in Vollzeit gearbeitet habe.

    Das Leben ging weiter, anstrengender, aber doch wieder schön. Kontrolltermine waren immer aufregend, aber ich konnte recht positiv denken. Ich nahm an einer Studie teil und nahm Ibrance. Neben dem Zoladex und dem Anastrozol und dem Xarelto für die Thrombose nahm ich vier Medikamente, die als Nebenwirkung die Sehfähigkeit beeinträchtigen können. So machte ich mir zunächst nicht viele Gedanken.

    Am 3. Januar 2019 konnte ich dann plötzlich auf dem linken Auge kaum noch sehen. Ab zur Uniklinik Aachen: Hier ging man zunächst von einer Metastase im Auge aus. Aufgrund der Größe des Tumors wurde das Auge direkt komplett entfernt. Leider kam es in den Folgemonaten immer wieder zu Komplikationen und drei weitere Operationen folgten. Die Diagnose war jedoch keine Metastase, sondern ein Aderhautmelanom (Monosomie 3) mit einer lebenslangen Metastasierungsgefahr von 50 Prozent in die Leber. Seit Ende Mai habe ich ein Glasauge. Im Juni durfte ich dann noch einmal vier Wochen in die Reha-Klinik. Dort konnte ich zum ersten Mal seit Januar durchatmen und auch psychisch anfangen das Ganze zu verarbeiten. Denn ich wurde nur während der stationären Aufenthalten insgesamt drei Mal psychoonkologisch betreut, da ich bei uns auf dem Land keinen Psychoonkologen gefunden habe. Nach der Reha habe ich nun endlich jemanden. Ich litt an Panikattacken und massiven Schlafstörungen und nahm zwischenzeitlich Antidepressiva, die ich nach der Reha jedoch ausschlich. 26 Tage später begann ich dann mit der Wiedereingliederung.

    Seit dem 1. September arbeite ich wieder Vollzeit im Op. Rückblickend haben wir sehr schwere Jahre hinter uns. Mit am Schwersten finde ich jedoch die bürokratischen Hürden und die Kosten für die Therapien, Medikamente und Taxikosten.

    Zukunftsängste erschweren so noch zusätzlich die Situation, in der man sich doch nur aufs Gesundwerden konzentrieren sollte.

Unterstützen auch Sie den Kampf gegen Krebs!