Frieda

hat zwei Krebserkrankungen überstanden und berichtet über eine „wahre Herausforderung".

„Zufälle gibt es nicht", so sagt man. Aber eine Zufallsdiagnose gab es – meine Geschichte – Zufallsdiagnose Krebs.

Vor sechs Jahren ereignete es sich, als ich mich einer Gallenoperation unterzog. Bei einer Oberbauchuntersuchung waren bei mir Gallensteine festgestellt worden, unter denen ich zwar nicht litt, diese Feststellung mich jedoch aus unerklärlichen Gründen in einen Zustand des OP-Zwanges brachten. Ein innerer Befehl, mich operieren zu lassen, baute sich auf. - Kurz und möglichst problemlos sollte diese Aktion abgehandelt werden, schnell zu Ferienbeginn, um danach noch Urlaubstage genießen zu können. Vertrauensvoll ließ ich es geschehen, wachte nach einer zeitlich deutlich überzogenen Operationszeit auf und wartete auf meinen Operateur mit seinem Bericht. Als er nach einer Weile erschien und mich aus meinem Restnarkoseschlaf weckte, ahnte ich Schlimmes, denn er strahlte nichts Positives, Erleichterndes aus.
Was er berichten konnte, war niederschmetternd. Bei der Entnahme der Gallenblase sei ihm verdächtiges, suspektes Gewebe in der Leber hinter der Gallenblase aufgefallen. Dieses habe er großflächig, genauer gesagt, ein Lebersegment, entnommen und die histologische Untersuchung des Gewebes angeordnet. Mit dem Ergebnis sei wohl am nächsten Tag zu rechnen. Dass das histologische Ergebnis durch einen Schnellschnitt während der Operation bereits bekannt war, sagte er nicht. Erst am nächsten Tag erhielt ich die definitive Diagnose „ Krebs“. Die vollständige, ausführliche Histologie hatte die schon geahnte Diagnose bestätigt. Nur welche Krebsart, von welchem Organ die Zellveränderung ausging, war unklar. Leberkrebs als Primärtumor, eine fatale, sich schnell erledigende Angelegenheit - oder ein Gallentumor? Man tappte im Dunklen! Ein weiteres spezialisiertes Labor einer Universitätsklinik wurde hinzugezogen und brachte nach wenigen Tagen endlich Klarheit. - Ein ‚Gallengangs Tumor‘ war in die Leber gewachsen, eine noch sehr seltene Krebsart, von der es nur wenig Erfahrungswerte gab. Was den Verlauf anbelangt, so hieß es, sei es ein schneller kurzer Krankheitsverlauf, also eine eher schlechte Prognose. Jetzt stand auf dem Plan, alle Organe zu untersuchen, um nach möglichen Tochtergeschwüren, Metastasen, Ausschau zu halten. Eine schier unendliche Etappe von zum Teil schwierigen Untersuchungen, begleitet von nur schwer zu ertragenden Ängsten und Panikattacken. Doch es wurden zum Glück keine Absiedlungen gefunden. - Sollte der Tumor etwa nicht gestreut haben? Realisieren konnte ich die Tatsache nicht, zumal die beängstigende Prognose im Raum stand – ein Damoklesschwert schwebte über mir! Zur Sicherheit, das heißt zur absoluten Klärung, ob der Tumor nun gestreut hatte oder nicht, kam nur die Entnahme und Untersuchung der Lymphknoten um die Leber herum in Betracht - eine wirklich große OP, zu der ich mich nach eingehender Beratung entschieden hatte. Diese Strapaze (drei Tage Intensivstation, Infusionen mit sehr starken Schmerzmitteln, Kreislaufsensationen und einer 20 cm langen Narbe) überwand ich mithilfe aller Kraftreserven, die ich körperlich und psychisch zur Verfügung stellen konnte. Körperlich erholte ich mich relativ schnell - ein Stehaufmännchen wie man mich nannte. Psychische Einbrüche standen jedoch auf der Tagesordnung. Eine Achterbahn der Gefühle baute sich auf: Tage, an denen ich glaubte, dass nichts gewesen sei und wiederum Tage, an denen die Welt unterzugehen schien. Schwer aushaltbar, aber das Leben trieb mich...
Hilfreiche therapeutische Gespräche hielten die Balance. Der Zustand des Bangens und des Hoffens ging langsam über in einen Gewöhneffekt, der aber immer wieder
jäh unterbrochen und schmerzhaft aufgewühlt wurde durch Reaktionen meines Umfeldes. Sprüche wie: „Wie Krebs hast du gehabt, das sieht aber ganz schlecht mit dir aus. - Wenn die Lymphknoten gesund waren, lebst du dann jetzt weiter? - Meine Güte wie grauenvoll, wie hältst du das aus?“ - Oder aber wie es bis vor naher Zeit geschah, dass frühere gute Bekannte bei Begegnung die Straßenseite wechselten, um keinen Kontakt aufnehmen zu müssen, oder sich nicht möglicherweise anzustecken. Auch diese Annahme sei selten, aber hin und wieder zu vernehmen. Ab jetzt eine Aussätzige?
Was zu Beginn die Wunden immer wieder schmerzhaft aufriss, ging auch mit der Zeit langsam über in einen Gewöhneffekt. - Für mich gab es somit zwei Parteien von Menschen: diejenigen mit einer Krebserkrankung oder Krebserfahrung und diejenigen, die gesund waren - Menschen mit fraglicher und instabiler Perspektive und Menschen mit noch stabiler, nicht bewusst gefährdeter Perspektive.
Einen solchen Kontrast konnte ich bei anderen Krankheitsbildern nicht finden, wie etwa bei einer Lungen-, Herz- oder Nierenerkrankung. Diese kuriert man aus, während die Krebserkrankung von dem vernichtenden, zerstörerischen, tödlichen Aspekt begleitet wird. So unter dem Motto: „Die stirbt ja eh bald.“
Man könnte fast sagen, Krebs spaltet die Gesellschaft.

Dass aber schon mittlerweile bei Früherkennung einige Krebsarten gut behandelbar sind, ist noch nicht bei allen angelangt.
Abgesehen von etlichen Momenten, in denen ich mich im gefühlsmäßigen Schleudergang empfand, beruhigte sich mein gesundheitliches Erleben allmählich. Vier Jahre hatte ich nun überstanden.
Bis zu dem Moment, als ich zu der routinemäßigen Mammografie ging, war scheinbar alles in Ordnung.
Mein mich behandelnde Arzt stellte bei diesem bildgebenden Verfahren eine Veränderung in der rechten Brust fest. Er war sich aber nicht ganz sicher, ob es Kalkablagerungen waren, die also nicht weiter zu beachten seien und er empfahl eine Kontrolle nach einem halben Jahr. Als sich meine rechte Brust jedoch nach drei Monaten zunehmend veränderte, schmerzte und sehr hart wurde, kontaktiert ich meinen Arzt, da ich sehr besorgt war. Er jedoch, verwies mich erneut auf den Kontrolltermin nach einem halben Jahr. Unzufrieden mit der mangelnden Sorgfaltspflicht ließ ich mich zunächst vertrösten. Den Zustand konnte ich jedoch nicht sehr lange ertragen, da die Veränderungen sich zunehmend weiter ausprägten und sich verschlimmert. - Schnellstmöglich vereinbarte ich einen Untersuchungstermin. Bei diesem bestätigte der bisher so unbesorgte Mediziner die erheblichen Veränderungen und nahm 15 Probeexisionen, die auch sehr zügig im Labor untersucht wurden. Das Ergebnis erhielt ich zwei Tage später..... -
Es lautete: ein Krebstumor in der rechten Brust  -  eine verschleppte Diagnose!!
Von meinem Arzt war ab dem Zeitpunkt nichts mehr zu sehen - angeblich hielt er sich zu einem Kongress im Ausland auf, die weitere Vorgehensweise, wie die Überweisung zur OP etc. überließ er seinem Vertreter!!
Im Schnelltempo erhielt ich einen Operationstermin, nachdem ein Gespräch mit dem zuständigen Operator stattgefunden hatte und nachdem feststand, dass die gesamte rechte Brust entnommen werden musste. Der Brustneuaufbau sollte erst ein Jahr später durchgeführt werden, so war es geplant.
Gesagt, getan - zwei Tage später befand ich mich auf dem Operationstisch. Eins meiner weiblichen Merkmale, meine rechte Brust wurde entnommen und das Gewebe genauer untersucht. Die Histologie ergab ein mich nicht gerade beruhigendes Ergebnis – G3 ! Genauer gesagt, es handelte sich um einen großen, aggressiven, schnell wachsenden Tumor. Der Wächterlymphknoten, der nahe gelegenste Lymphknoten in der Achselhöhle, war glücklicherweise noch nicht befallen - ein kleiner Hoffnungsschimmer. Aber G3 verhieß nichts Beruhigendes.
Da die Histologie auch verdeutlicht hatte, dass der Tumor ein hormonabhängiger Tumor war, wurde auf eine Chemotherapie verzichtet. Die weitere Therapie bestand in der Gabe von Antihormontabletten, die ich nun zehn Jahre lang einnehmen sollte. Der Beipackzettel dieses Medikaments versprach erhebliche Nebenwirkungen, die ich alle in vollen Zügen erleben durfte.
Als Ersatz für die entnommene Brust erhielt ich einen speziellen Büstenhalter mit einer Schaumstoffprothese. Gewöhnungsbedürftig, da sie bei bestimmten Bewegungen ständig hin und her rutschte, um sich einen neuen Platz zu suchen. Gewöhnungsbedürftig, aber händelbar. Erst nach einem Jahr fand eine weitere Operation statt, bei der aus einem Muskel des Rückens eine neue Brust aufgebaut wurde. Äußerlich war ich nun wieder ganz. -

Zeitnahe, vierteljährliche Kontrollen standen auf dem Programm.
Auch in der linken Brust hatte man einen Knoten entdeckt, der gleichzeitig in der Operation mit entnommen worden war. Dieses histologische Ergebnis war aber glücklicherweise nicht bösartig, - wenn man in dem Kontext überhaupt das Wort glücklicherweise denken kann. -
Ein Gefühlskarussell begann sich zu drehen: zweimal Krebs - hat das jemals jemand überlebt, wo haben sich möglicherweise Metastasen versteckt, G3 - eine sehr wenig erfolgversprechende Histologie, gibt es überhaupt Überlebenschancen?
Panik, Angst, Schock...warum ich? Was habe ich übersehen, dass es dazu kommen konnte? (...)
Drei Jahre sind nun seit der letzten Krebserkrankung vergangenen – seit drei Jahren befinde ich mich in der nachakuten Phase, der Trudelphase, der Taumelphase, der Wechselbadphase. Vertrauen in den eigenen Körper konnte ich noch nicht gänzlich wieder aufbauen. Die gesundheitliche Unsicherheit und Angst lassen Symptome verschiedenster Art immer wieder aufkommen, die wiederum erzeugen und schüren erneute Krebsangst, Vernichtungsangst und schwächen die körperliche und psychische Stabilität, das Vertrauen in den eigenen Körper. Immer wieder auch die Frage: Wer bin ich? Wohin will ich? Wem kann ich mich mitteilen, wer versteht mich? Keiner, außer diejenigen, die sich selbst einmal in der Situation befunden haben.

Mutmachende Interventionen von Bekannten wie, „jetzt kannst du loslassen und feiern, denn du hast es ja überstanden“, waren und sind Ermunterung, die ich lieber nicht gehört hätte, denn sie sind in keiner Weise hilfreich.

Ein anderer Mensch bin ich geworden, dünnhäutig und zerbrechlich und oft orientierungslos. Eine Floßfahrerin auf dem Fluss des Lebens, die sich nicht entscheiden kann, welche Uferseite sie ansteuern möchte, die, auf der Menschen mit Krebserfahrung leben oder die, auf der Nichtbetroffene leben. Dieses immer wiederkehrende Bild vor meinen Augen zeigt die Ruhelosigkeit und Instabilität, die Angst vor dem aggressiven Verursacher in meinem Körper.
Das Einzige was ich als stabil bezeichnen kann, sind die 80 cm lange Nähte, die mich zusammenhalten und mich zusätzlich immer wieder an die dramatischen Stunden der Operationen erinnern.
Eine wahre Herausforderung - das Leben nach einer zweimaligen Krebserkrankung, ein Leben mit einem Damoklesschwert. Hilfreich und unerlässlich ist es, dabei Akzeptanz für den jeweiligen Zustand walten zu lassen und einen neuen Weg für sich zu finden. Ein Reifeprozess, der sich durch das Durchgemachte bei mir entwickelte.
(...)
Keineswegs kann man die Krebserkrankung mit der Diagnose „alles ist gut“ als beendet betrachten.
Der innere Kampf setzt sich fort, in der Suche nach einer neuen Plattform, einem neuen Standort, nach neuen Wegen, nach neuen Zielen, nach einem harmonischen inneren Selbst, nach emotionaler Stabilität.

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