Anja

Die Krankheit zeigte ihr, was sie will und wozu sie fähig ist.

2017 war ein besonderes Jahr. Es hat mich herausgefordert. Es hat mich nicht bezwungen. Es hat mir gezeigt, dass ich innehalten und meinen Kurs ändern muss. Es hat mir klargemacht, was ich will und wozu ich fähig bin.
Sie haben Krebs. Wir sprechen über Leben oder Sterben, sagt Prof. Dr. H., als ich ihn im Krankenhaus frage, ob ich nun krankgeschrieben werde.
Sätze, die sich einprägen, Sätze, die mir in einer Plötzlichkeit klarmachen, dass mein Leben endlich ist. Und Sätze, die mir bewusst machen, dass ich überhaupt nicht sterben will.
Weil ich – und das muss ich mir eingestehen – noch nicht all das gemacht habe, was ich eigentlich in meinem Leben machen wollte. Weil man es ja später machen kann. Um auf einmal festzustellen, dass es eventuell kein später gibt. Es sind existenzielle Fragen, die mich erschüttert und ins Wanken gebracht haben. Und die mir umso deutlicher aufgezeigt haben, dass ein Kurswechsel stattfinden muss.
Ich bin dankbar, dass ich das Drama sehr schnell und sehr gut verarbeitet habe. Das sehe nicht nur ich so, sondern auch die Ärzte und die Psychologin aus dem Sanatorium, mit der ich einige Stunden verbracht habe. Dabei hat mir auch das Schreiben geholfen (www.derfeindinmirblog.wordpress.com).
Ich bin dankbar, dass mir Prof. Dr. H. mein Leben gerettet und mir die Todesangst, mit der ich in den ersten unklaren Tagen gekämpft habe, genommen hat. Ich verspreche Ihnen, dass wir das hinkriegen. An diesen Satz habe ich mich geklammert, er war der Wendepunkt im Drama. Und Prof. Dr. H. hat sein Versprechen gehalten.
Ich weiß, dass ich selbst aktiv sein muss, um die Aussicht auf ein Folgedrama zu minimieren, und ich weiß, dass auf meine Disziplin und meinen Kampfgeist Verlass ist: mein tägliches Sportprogramm bringt mir richtig Spaß, meine Ernährungsumstellung ist mir weniger schwergefallen als befürchtet, meine reduzierte Arbeitszeit auf 36 Stunden die Woche (und keine weiteren Überstunden) ist mein persönlicher Luxus, der mich noch immer stressfrei hält. Ich bin aktiv und fit wie seit Jahren nicht mehr.
Ich hatte Krebs. In der Vergangenheitsform passt es zu mir, denn ich schaue nach vorn.
Ich kann mittlerweile sagen, dass 2017 ein gutes Jahr war.
Ich bin dankbar, dass die ausgewählten Freunde, denen ich vom Krebs erzählt habe, sehr gute Krisenmanager sind und mich unaufgeregt durch turbulente Zeiten begleitet haben und immer für mich da waren.
Ich bin dankbar, dass ich viele neue Menschen auf meiner Reise durch das Jahr kennen gelernt habe. Ganz besonders dankbar bin ich für meine beiden Schwestern im Herzen, die ich seit unserer Begegnung im Sanatorium noch immer jeden Monat treffe.
Ich bin dankbar, dass ich in einer Dienstag Nacht in Berlin in einem Club stand und meiner Lieblingsband zugejubelt habe. Und sie Ende des Jahres nochmal in Edinburgh auf der Bühne sehen konnte, während wir wild vor dieser tanzten. Ich bin mehrmals auf Sylt am Strand entlanggewandert und habe mich über die tosenden Wellen gefreut. Ich bin spontan nach Wien gereist, um morgens um 10.00h ein Glas Sekt über den Dächern der Stadt zu trinken und auf das Leben anzustoßen. Ich bin in die Antarktis gefahren und habe den schönsten Platz der Welt gefunden. Ich habe mit meinen kleinen Patenkindern gespielt und gelacht.
Heute war ich wieder draußen schwimmen, bei drei Grad Aussentemperatur und klarer Luft. Heute war ich wieder glücklich.
Und dieses Jahr werde ich weiter mein Leben leben und mich auf Wien, Amsterdam und Asien freuen. Und auf die vielen Dinge, die das Leben ausmachen.

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