Interview mit Gerd Nettekoven: „Krebs kann jeden treffen“

Die Deutsche Krebshilfe hat auch 2016 zahlreiche Forschungsprojekte gefördert, die Versorgung von Krebspatienten weiter vorangebracht und über Risikofaktoren aufgeklärt. Im Gespräch zieht der Vorstandsvorsitzende ein Resümee.

Herr Nettekoven, was verbinden Sie mit dem vergangenen Jahr?

Um dies gleich vorweg zu sagen: Es war ein außergewöhnliches und erfreuliches Jahr für die Deutsche Krebshilfe – sowohl was die Inhalte unserer Arbeit betrifft als auch den ungebrochenen Zuspruch aus der Bevölkerung, ohne deren Unterstützung unsere zahlreichen Aktivitäten nicht möglich wären.

In Erinnerung geblieben ist mir der gleich zu Beginn des letzten Jahres in Berlin stattgefundene 32. Deutsche Krebskongress, den wir erneut mit unserer Partnerorganisation, der Deutschen Krebsgesellschaft, veranstaltet haben. Mehr als 11.000 Experten aus Medizin, Wissenschaft, Politik und Gesundheitswesen haben sich hier über aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen der Krebsmedizin ausgetauscht. Von dem Kongress gingen wichtige Impulse – auch für unsere Arbeit – aus.

Ich denke, dass wir im vergangenen Jahr auf einigen wichtigen Feldern, die uns am Herzen liegen, auch weiter vorangekommen sind. Als Beispiel möchte ich die psychoonkologische und psychosoziale Versorgung von Krebspatienten nennen. Unsere jahrelangen Vorleistungen mit umfangreichen Förderungen von psychosozialen Krebsberatungsstellen scheinen in absehbarer Zeit Früchte zu tragen. Gesundheitspolitisch werden derzeit alle Anstrengungen unternommen, um die von uns geschaffenen Versorgungsstrukturen in eine Regelfinanzierung zu überführen. Auch in der Krebsforschung – die ja enorm wichtig ist, um in der Krebstherapie voranzukommen – befinden wir uns in einer ausgesprochen spannenden Zeit. Ich erlebe dies immer wieder in den Sitzungen unseres Fachausschusses „Forschung“. Zahlreiche innovative Forschungsansätze machen Hoffnung, den Krebserkrankungen entgegenzutreten, die heute einer erfolgreichen Therapie noch nicht zugänglich sind.

Was mir auch gut in Erinnerung geblieben ist, dass unsere zahlreichen Aktivitäten auf dem Gebiet der Krebsprävention immer mehr Beachtung finden. Die Unterstützung durch unsere prominenten Botschafter – Susanne Klehn, Heiko Herrlich, Linda Hesse, Maite Kelly – hilft uns dabei sehr. Über das gesamte Jahr haben sie uns bei der Aufklärung über Krebsrisiken zur Seite gestanden und auf die Bedeutung der Krebsvorbeugung und unserer Arbeit aufmerksam gemacht.

Allerdings hatte das Jahr 2016 für die Deutsche Krebshilfe auch einen Wermutstropfen: Die sogenannte Prostatakrebs-Studie PREFERE, die wir gemeinsam mit den gesetzlichen Krankenkassen und den privaten Krankenversicherungen auf den Weg gebracht und gefördert hatten, musste vorzeitig beendet werden, weil die Zahl der teilnehmenden Patienten weit hinter den Erwartungen zurückblieb. Mit dieser Studie sollte geklärt werden, von welcher der gängigen Therapieoptionen Patienten mit einem Prostatakarzinom im frühen Stadium am meisten profitieren. Trotz ihres vorzeitigen Abbruchs resultieren aus der Studie wichtige Erkenntnisse. Wir würden uns aber wünschen, dass es bald gelingt, die nach wie vor offene Frage mit einem erfolgversprechenderen Studienkonzept im Sinne der Patienten zu beantworten.

Was war für Sie persönlich die wichtigste Erkenntnis?


Für die Deutsche Krebshilfe ist es enorm wichtig, dass Krebspatienten optimal versorgt werden. Dieses Ziel verfolgen wir mit den von uns geförderten 13 an universitären Standorten angesiedelten sogenannten Onkologischen Spitzenzentren. Im vergangenen Jahr haben wir nach den Empfehlungen einer internationalen Gutachterkommission für weitere vier Jahre erneut erhebliche Mittel für einen Teil dieser Spitzenzentren bewilligt. Die Begutachtung durch die internationalen Experten im vergangenen Jahr hat gezeigt, was die Deutsche Krebshilfe mit diesem Programm vor fast zehn Jahren angestoßen hat. Es wurde uns bescheinigt, dass wir mit dieser Strukturentwicklung, die ohne die Deutsche Krebshilfe wohl nicht möglich gewesen wäre, im internationalen Vergleich ganz oben stehen. Ein gutes Beispiel auch für die Wirkung des Einsatzes der uns anvertrauten Spenden. In Zukunft wird es darum gehen, dass von den Entwicklungen und klinischen Erkenntnissen in diesen Zentren verstärkt und rasch auch andere Krankenhäuser und Kliniken für die Versorgung ihrer Krebspatienten profitieren.

Es war immer schon die Vision unserer Gründerin, Mildred Scheel, die Bevölkerung als Bürgerbewegung für den Kampf gegen den Krebs und die Arbeit der Deutschen Krebshilfe zu gewinnen. Diesem Wunsch sind die Bürgerinnen und Bürger dankenswerterweise im Sinne der vielen Krebspatienten in unserem Land nachgekommen.

Gerd Nettekoven

Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe

Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe

Für wie viele Projekte mit welchen Schwerpunkten haben Sie Mittel bewilligt?

Die Deutsche Krebshilfe hat im vergangenen Jahr Mittel für insgesamt 127 neue Projekte und Initiativen auf allen Gebieten der Krebsbekämpfung genehmigt. Schwerpunkte waren die Forschungsförderung mit zahlreichen Projekten auf den Gebieten der Grundlagenforschung und klinischen Forschung, die Förderung der schon angesprochenen Onkologischen Spitzenzentren sowie Projekte zur Verbesserung der psychosozialen und psychoonkologischen Versorgung. So haben wir nochmals rund 2,5 Millionen Euro für 18 Krebsberatungsstellen bereitgestellt. Wir haben aber auch in weitere Projekte der Kinderkrebsbekämpfung investiert. 4,7 Millionen Euro sind im letzten Jahr in unseren Härtefonds geflossen. Darüber hinaus haben wir verstärkt und gezielt unsere Informations- und Aufklärungsarbeit fortgeführt – unter anderem durch Kampagnen und Initiativen zur Krebsprävention.

Zusätzlich haben wir aufgrund einer außergewöhnlichen Zuwendung im vergangenen Jahr – einer erhaltenen Erbschaft – einige Rückstellungen für bereits geplante künftige Vorhaben gebildet, die wir ab dem Jahr 2017 zur Umsetzung bringen werden. Unsere Fachausschüsse „Forschung“, „Versorgung“ und „Krebs-Früherkennung“ befassen sich bereits mit der Entwicklung neuer Förderschwerpunkt-Programme zu brennenden Themen. Auch die Stärkung des medizinischen und wissenschaftlichen Nachwuchses in der Onkologie wird bei unseren Überlegungen ein künftiges Handlungsfeld sein.

Die Deutsche Krebshilfe ist auch in der Gesundheits- und Forschungspolitik ein wichtiger Gesprächspartner. Was waren im Geschäftsjahr Ihre Themen?

Gemeinsam mit unserem Berliner Büro haben wir auch im vergangenen Jahr wichtige politische Themen in Angriff genommen und Aktivitäten mit unseren Kooperationspartnern abgestimmt. Die Tabakprävention ist hierfür ein gutes Beispiel. Im Jahr 2016 haben wir uns dafür eingesetzt, dass Werbung für gesundheitsschädliche Tabakprodukte und E-Zigaretten konsequent abgeschafft wird. Außerdem haben wir erfolgreich bei der Änderung des Jugendschutzgesetzes mitgewirkt, als es darum ging, den Verkauf und die kostenlose Abgabe von E-Zigaretten an Jugendliche zu verbieten. Jugendschutz ist für uns im Zusammenhang mit Prävention ein wichtiges Thema.

Mit Blick auf das schon angesprochene Ziel der Erreichung einer Regelfinanzierung für die psychosoziale und psychoonkologische Versorgung stehen wir in einem engen Dialog mit dem Bundesministerium für Gesundheit im Rahmen des Nationalen Krebsplans, deren Mit-Initiator die Deutsche Krebshilfe ist.

Patienten haben Rechte und wollen ihre Interessen gut vertreten wissen. Unterstützt die Deutsche Krebshilfe sie dabei?

Ja, natürlich. Die Deutsche Krebshilfe fördert zum einen die Bundesverbände der Krebs-Selbsthilfeorganisationen seit vielen Jahren. Zum anderen befasst sich unser Patientenbeirat ausschließlich mit den Anliegen von Patienten. So nehmen wir zunehmend wahr, dass pharmazeutische Unternehmen eine stärkere Einbeziehung von Patienteninteressen in Fragen der Arzneimittelversorgung anstreben. Wir halten dies für nicht unproblematisch. Unser Patientenbeirat setzte sich daher im vergangenen Jahr gesundheitspolitisch für eine starke und insbesondere unabhängige Vertretung der Patienteninteressen ein.

Wie hoch waren die Einnahmen 2016?

Ich hatte eingangs bereits erwähnt, dass das Jahr 2016 für die Deutsche Krebshilfe ein außergewöhnliches Jahr war. „Regulär“ sollten wir von Einnahmen in Höhe von 107,8 Millionen Euro sprechen, was bereits ein ausgesprochen erfreuliches Ergebnis wäre. Wir haben jedoch im vergangenen Jahr eine ungewöhnlich hohe Erbschaft erhalten, die sich am Jahresende 2016 auf 141,4 Millionen Euro bezifferte und die unser Jahresergebnis gegenüber den Vorjahren beträchtlich erhöht – also auf 249,2 Millionen Euro. Für dieses sehr große Vertrauen, das der Deutschen Krebshilfe mit dieser Erbschaft entgegengebracht wurde, sind wir dem Nachlassgeber – einer Privatperson, die selbst an Krebs erkrankt war – zu tiefstem Dank verpflichtet, selbstverständlich auch allen anderen Menschen, die unsere Arbeit unterstützen und zu diesem Ergebnis beigetragen haben. Damit werden wir in die Lage versetzt, über wichtige Projektvorhaben und Förderprogramme nachzudenken, die wir in den kommenden Jahren wahrscheinlich nicht hätten auf den Weg bringen können.

Wie bewerten Sie dies?

Dieses wunderbare Spendenergebnis zeigt uns, dass wir mit unseren Aktivitäten in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, dass uns die Menschen hierzulande vertrauen und unsere Arbeit von der Bevölkerung anerkannt wird. Nicht zuletzt die hohen Zuwendungen aus Erbschaften machen deutlich, wie wichtig es vielen Menschen ist, sich langfristig zu engagieren, mit ihren Ersparnissen den Kampf gegen die Krebskrankheiten voranzubringen, ihren Mitmenschen über den eigenen Tod hinaus zu helfen und die Zukunft über die eigene Lebenszeit hinaus zu gestalten. Es war immer schon die Vision unserer Gründerin, Mildred Scheel, die Bevölkerung als Bürgerbewegung für den Kampf gegen den Krebs und die Arbeit der Deutschen Krebshilfe zu gewinnen. Diesem Wunsch sind die Bürgerinnen und Bürger dankenswerterweise im Sinne der vielen Krebspatienten in unserem Land nachgekommen.

Was meinen Sie macht die Glaubwürdigkeit der Deutschen Krebshilfe aus?

Wir verfügen über keine öffentlichen Mittel und finanzieren unsere Arbeit ausschließlich aus Spenden und freiwilligen Zuwendungen der Bevölkerung. Wir nehmen jedoch keine Spenden der pharmazeutischen Industrie, von Medizinprodukte- oder -geräteherstellern und artverwandten Branchen an. Damit können wir unabhängig entscheiden und handeln. Auch Spenden der Tabakindustrie sowie von Herstellern oder Vertreibern, deren Erzeugnisse ebenfalls eine nachweisbar krebserregende Wirkung haben, nehmen wir nicht entgegen. Ich bin mir sicher, all das sind vertrauensbildende Maßnahmen, die uns glaubwürdig machen.

Dies gilt auch für unsere Wirtschaftlichkeit. Wir lassen unsere Rechnungsabschlüsse jedes Jahr von einer unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft kontrollieren. Das Ergebnis dieser Prüfung veröffentlichen wir in diesem Geschäftsbericht.

Wer unterstützt Ihre Arbeit?

All unsere Aktivitäten sind nur mit Hilfe der Bevölkerung, unserer Spender, aber auch der zahlreichen anderen Menschen – Ärzte, Wissenschaftler, Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Bereichen, die sich in unseren Gremien ehrenamtlich engagieren – möglich. Gemeinsam stellen wir die Belange krebskranker Menschen in den Mittelpunkt.

Was wünschen Sie sich für die nächsten Jahre?

Etwa die Hälfte aller Krebsneuerkrankungen kann heute dauerhaft geheilt werden. Eine viel bessere Situation als noch bei Gründung der Deutschen Krebshilfe. Dies macht aber auch die weiteren Herausforderungen deutlich: Um unsere Arbeit auch in Zukunft fortsetzen zu können, sind wir weiterhin auf die Solidarität und tatkräftige Unterstützung aller angewiesen. Krebs kann jeden treffen, und jeder kann Krebskranken helfen. Nur gemeinsam wird es uns gelingen, die Herausforderungen anzunehmen, vor die uns die veränderte Bevölkerungsstruktur mit immer mehr krebskranken Menschen stellt. Wie Mildred Scheel bereits in den Gründerjahren der Deutschen Krebshilfe sagte: „Die Bekämpfung der Krebskrankheit ist nicht nur eine Herausforderung an die Medizin. Sie ist eine der großen uns allen gestellte Aufgabe – wir sollten danach handeln.“

Unterstützen auch Sie den Kampf gegen Krebs!