Immuntherapien - Hilfe zur Selbsthilfe

Unser Immunsystem ist ein ausgeklügeltes Abwehrsystem, das unseren Körper täglich vor Eindringlingen wie etwa Viren und Bakterien schützt. Trotzdem gelingt es Krebszellen, dieses System zu umgehen und so ohne Gegenwehr zu wachsen. Forscher richten ihren Blick daher immer mehr auf das Immunsystem selbst. Die Immuntherapie soll der körpereigenen Abwehr Hilfe zur Selbsthilfe bieten. Bei vielen Arten von Krebs konnten damit bereits Erfolge erzielt werden. Wissenschaftler haben nun eine neue Art der Immuntherapie auch für Leukämie entwickelt.

Unser Immunsystem beruht auf einem sehr komplexen Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Zellen und lässt sich in zwei Bereiche einteilen: Die angeborene Immunreaktion und die sogenannte adaptive Immunabwehr, die wir uns im Laufe unseres Lebens aneignen. Bei der angeborenen Immunantwort sind die „Feindbilder“ schon vorprogrammiert und verändern sich nicht mehr. Fremde Zellen werden direkt erkannt und beseitigt. Aber auch gegen „neue“ Krankheitserreger muss sich der Körper schützen: Dafür ist das adaptive Immunsystem zuständig. Es erkennt Eindringlinge über bestimmte Moleküle, die diese mit sich tragen: die Antigene. Diese passen zu einem Antigenrezeptor auf bestimmten Zellen unseres Abwehrsystems, den T-Zellen. Die hoch spezialisierten T-Zellen erkennen Zellen mit diesem Antigen als Bedrohung, die sie bekämpfen müssen. Tumorzellen machen sich diesen Mechanismus zunutze: Entweder sie tragen keine Antigene und werden so nicht erkannt. Oder sie kopieren körpereigene Antigene und unterdrücken so die Immunreaktion.

Immuntherapien sollen dem Immunsystem helfen, die Krebszellen trotz dieser Umgehungsmechanismen zu bekämpfen. Bei der Methode des „Adoptiven T-Zelltransfers werden zunächst T-Zellen des Patienten isoliert. Im Reagenzglas werden sie so verändert, dass sie einen neuen, speziell gegen Krebs gerichteten Antigen-Rezeptor (CAR) auf ihrer Oberfläche tragen. Durch diesen Antigenrezeptor werden die T-Zellen umprogrammiert: Sie erkennen die Krebszellen besonders gut und können sie eliminieren. Nun werden die CAR-T-Zellen künstlich vermehrt und in den Körper des Patienten zurück übertragen.

Auch die Stammzelltherapie ist eine Immuntherapie. Aus Stammzellen bilden wir alle wichtigen Zellen unseres Blutes. Dieser Vorgang ist bei Blutkrebspatienten gestört. Deswegen transplantiert man gesunde Stammzellen eines Spenders. Diese sorgen dann für die Blutbildung des Leukämiepatienten. Allerdings wird so auch das Immunsystem des Spenders auf den Empfänger übertragen. Im schlimmsten Fall kann es dabei zur sogenannten „Graft-versus-Host-Reaktion“ kommen: Das neue Immunsystem greift dabei das Gewebe des Empfängers an. Im besten Fall attackieren die Immunzellen des Spenders (sogenannte Donor-T-Zellen) zwar die blutbildenden Zellen des Empfängers, eliminieren dabei aber auch gezielt Tumorzellen. So wird der Krebs durch das „neue“ Immunsystem beseitigt. Bisher musste das Immunsystem des Spenders durch aggressive Chemo- und Strahlentherapie komplett zerstört werden, bevor Stammzellen transplantiert wurden. Nun können Patienten mit einer milderen Vorbehandlung und damit weniger Nebenwirkungen therapiert werden. In Zukunft sollen dem Empfänger zusätzliche Spender-T-Zellen verabreicht werden, um das Immunsystem langfristig zu stärken.

Die Kombination aus Stammzell- und T-Zell-Therapie stellt einen wichtigen Ansatz in der Behandlung von Blutkrebs dar. Auch der Hämatologe Prof. Dr. J. H. Frederik Falkenburg sieht in dieser neuen Therapieform großes Potenzial. Warum, erklärt er im folgenden Interview.

"Viele Arten des Blutkrebses, sogar seltene Formen könnten mit dieser Kombitherapie behandelt werden"

Interview mit Professor Dr. J.H. Fred Falkenburg, Leiden University Medical Center, Niederlande

Bitte stellen Sie sich kurz vor: Was ist Ihr Hintergrund und Ihr derzeitiger Forschungsschwerpunkt?

Mein Name ist Fred Falkenburg und ich bin Hämatologe, also Spezialist für Erkrankungen des Blutes. Besonders interessiert bin ich an Stammzelltransplantationen. Ich untersuche, was passiert, wenn wir Stammzellen von Mensch zu Mensch, also allogen, übertragen. Zusätzlich erforsche ich die zelluläre Immuntherapie: Nach einer Stammzelltransplantation werden dem Erkrankten bestimmte Immunzellen des Spenders, sogenannte Donor-T-Zellen, verabreicht. Diese stimulieren das Immunsystem dazu, kranke blutbildende Zellen zu vernichten. Bislang greift das Immunsystem dabei auch gesunde Zellen an. Ich erforsche, wie wir das zukünftig verhindern können.

Was leistet die Immuntherapie bei Leukämie im Speziellen und bei der Krebstherapie im Allgemeinen?

Da die Donor-T-Zellen im Empfänger überleben, bekämpfen sie Krebszellen auch noch Monate nach der Behandlung. Analog dazu versucht man bestimmte Antigenrezeptoren, die „CARs“, auf T-Zellen zu übertragen. Diese Antigenrezeptoren passen zu Antigenen auf den Krebszellen. Dadurch werden diese darauf „programmiert“, nach Zellen mit diesem Antigen zu suchen. So können sie den Krebs aufspüren und bekämpfen.

Welche Chancen birgt die Stammzelltransplantation?

Allogene Stammzelltransplantation bietet eine effiziente Kombination. Gesunde Spenderstammzellen ersetzen das defekte blutbildende System des Patienten. Zusätzlich eliminieren die Donor-T-Zellen das defekte System – und damit auch den Blutkrebs. Die größten Risiken dabei sind die Entwicklung einer Immunschwäche oder der „Graft-versus-Host“-Reaktion. Gelingt es, diese Reaktionen zu umgehen, bietet diese Therapie einen entscheidenden Mehrwert: Das lymph- und blutbildende System regeneriert sich und der Tumor wird bekämpft.

Was sind die neuen Erkenntnisse in der Immuntherapie? Welche Rolle spielt dies bei der Therapie von Leukämie?

Die Forschung beschäftigt sich zurzeit mit zwei unterschiedlichen Möglichkeiten, um die Resultate der Stammzelltransplantation zu verbessern: Aus dem Transplantat werden im Vorhinein potenziell schädliche Immunzellen entfernt. Oder man reichert diejenigen Stamm- und Immunzellen an, die später den Aufbau des Immunsystems anstoßen. Das beugt der Graft-versus-Host-Reaktion vor, ohne dass der Patient langfristig sein Immunsystem durch Medikamente unterdrücken muss. Auch in der Therapie mit Donor-T-Zellen gibt es Fortschritte: Nach der Transplantation bekommt der Patient Immunzellen des Spenders. Dadurch soll das Immunsystem gestärkt, das Gewebe geschützt und Krebszellen abgetötet werden.

Was bedeutet dies für die Therapieoptionen der Patienten?

Die Kombination aus allogener Stammzelltransplantation und zellulärer Immuntherapie ist sehr vielversprechend. Ihre Anwendung ist nicht auf Leukämie begrenzt. Viele Arten des Blutkrebses, sogar seltene Formen könnten mit dieser Kombitherapie behandelt werden. Besonders vorteilhaft ist, dass der Patient einer geringeren Vorbehandlung bedarf: Normalerweise sind vor der Transplantation Chemotherapie und Bestrahlung nötig. Diese können nun reduziert werden. Außerdem greifen die T-Zellen gezielt nur blutbildende Zellen des Empfängers an. Durch beide Faktoren sinkt das Risiko für den Patienten. So können wir besonders auch ältere Patienten therapieren.

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