Bessere Krebsnachsorge

Krebspatienten können noch viele Jahre nach überstandener Erkrankung an deren Folgen leiden. Mit einem neuen Förderschwerpunktprogramm will die Deutsche Krebshilfe die Versorgung der Betroffenen verbessern.

31.07.2024

Dank der Fortschritte in Diagnose und Therapie überleben immer mehr Menschen ihre Krebserkrankung. Damit steigt auch die Zahl der Langzeitüberlebenden – Menschen, deren Krebserkrankung länger als fünf Jahre zurückliegt. Zurzeit leben in Deutschland etwa 3,5 Millionen Krebs-Langzeitüberlebende. Von ihnen leidet schätzungsweise die Hälfte an Spätfolgen der Erkrankung oder Therapie.

Langzeitfolgen identifizieren

Zu den häufig auftretenden körperlichen Langzeitfolgen zählen unter anderem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, chronische Erschöpfung, Nervenstörungen sowie Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit. Krebs kann aber auch auf andere Art Spuren hinterlassen. So können Arbeitsausfall und Berufsunfähigkeit zu finanziellen Belastungen führen. Hinzu kommen für viele Patienten psychische Probleme wie Depressionen und die Angst vor einem Rückfall. Darüber, wie verbreitet die unterschiedlichen Langzeitfolgen sind und wann sie bei wem auftreten, ist bislang wenig bekannt. Hier setzt der neue Förderschwerpunkt der Deutschen Krebshilfe an.

Erkenntnisse aus Daten gewinnen

Der Schwerpunkt „Langzeitüberleben nach Krebs“ umfasst zwei Förderprogramme. Im Programm „Datenerhebung und Datenanalyse“ werden fünf Forschungsprojekte mit insgesamt 3 Millionen Euro gefördert. Die Projekte zielen darauf ab, Daten über Langzeitfolgen unterschiedlicher Krebserkrankungen zu erheben und zu analysieren. Dafür befragen Wissenschaftler Langzeitüberlebende zu den körperlichen, psychischen und sozialen Nachwirkungen ihrer Erkrankung. So wollen sie zum einen eine Datengrundlage für künftig notwendige Versorgungsmaßnahmen schaffen, zum anderen sollen Faktoren identifiziert werden, die das Risiko für bestimmte Langzeitfolgen erhöhen. Das Wissen um diese Risikofaktoren kann dann in die Therapieentscheidung einfließen und damit potenziellen Langzeitfolgen vorbeugen.

Eines der geförderten Forschungsprojekte beschäftigt sich beispielsweise mit den Spätfolgen einer Krebsbehandlung für die Mundgesundheit. Aggressive Krebstherapien wie Chemo- und Strahlentherapie können eine schädliche Wirkung auf Mundschleimhaut und Zähne haben. Insbesondere für Menschen, die im Kindes- oder Jugendalter eine Krebserkrankung überstanden haben, erhöht sich das Risiko für spätere Erkrankungen im Mundraum. Dazu gehören neben einem verminderten Speichelfluss und Karies auch Fehlentwicklungen der Zähne und des Kiefers. Eine Forschergruppe der Universitätsmedizin Mainz ermittelt nun erstmals Daten darüber, in welchem Umfang eine Krebstherapie die Mundgesundheit beeinflusst und wie verbreitet diese Nebenwirkungen sind. Dieses Wissen soll die Nachsorge von Krebspatienten verbessern und potenziellen Spätfolgen vorbeugen. Das Forschungsprojekt wird von der Deutschen Krebshilfe mit 301.300 Euro gefördert.

Neue Versorgungsmodelle

Wenn die regulären Nachsorgeuntersuchungen abgeschlossen sind, treten Menschen mit überstandener Krebserkrankung meist in eine Phase ohne strukturierte Versorgungsangebote ein. Das Förderprogramm „Innovative Versorgungsmodelle“ umfasst sechs Projekte, in denen Ärzte und Wissenschaftler Konzepte zur nachhaltigen Versorgung von Langzeitüberlebenden entwickeln und ihren möglichen Einsatz in der Praxis erforschen. Die geförderten Projekte sollen die Lebensqualität der Betroffenen verbessern und ihre Gesundheitskompetenz stärken. Dafür werden unterschiedliche Elemente aus der Versorgung wie Psychoonkologie, Sozialberatung, Ernährungsberatung, Bewegungstherapie und Angebote der Krebs-Selbsthilfe miteinander verknüpft. Für diese Projekte stellt die Deutsche Krebshilfe insgesamt 5 Millionen Euro bereit.

So geht es bei einem Projekt zum Beispiel um die Frage, wie die hausärztliche Krebsnachsorge verbessert werden kann. Hausärzte bilden für die meisten Menschen die erste Anlaufstelle bei körperlichen oder psychischen Beschwerden – das gilt auch für Patienten, die eine Krebsbehandlung abgeschlossen haben. Hausärzte werden unter anderem kontaktiert, wenn körperliche Spätfolgen der Krebsbehandlung auftreten oder akute Ängste vor einem Rückfall bestehen. Einige Patienten wenden sich auch bei Fragen zu ihrer sozialen oder beruflichen Situation an ihren Hausarzt. Bislang gibt es kein Versorgungskonzept, das die Hausarztpraxen dabei unterstützt, diesen sehr unterschiedlichen Bedarfen gerecht zu werden. Diese Lücke will ein Forscherteam am Universitätsklinikum Bonn schließen. Dafür entwickeln die Wissenschaftler gemeinsam mit Hausärzten und Patientenvertretern ein umfassendes hausärztliches Versorgungsmodell. Dazu gehören ein E-Learning-Programm für Hausärzte und ein gemeinsam entwickelter Behandlungsplan. Die Deutsche Krebshilfe fördert das Forschungsprojekt mit rund 735.000 Euro.


Die Deutsche Krebshilfe fördert im Rahmen der Förderschwerpunktprogramme „Langzeitüberleben nach Krebs“ folgende Projekte:


„Innovative Versorgungsmodelle“:

  • „LeMela - Leben mit Melanom: Bedarfsanalyse und Erprobung eines innovativen Versorgungsmodells“
    Projektleitung: Prof. Dr. Christian Apfelbacher, Universitätsklinikum Magdeburg
    Fördersumme: 888.568 €
    Weitere Standorte: Universitätsklinikum Regensburg, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden
  • „Health Literacy und Selbstmanagement bei Langzeitüberlebenden nach Krebserkrankungen - partizipative Entwicklung und Evaluation eines digitalen, diversitätssensiblen Angebots zur Kompetenzförderung (HeLiS)“
    Projektleitung: Prof. Dr. Patrick Brzoska, Universität Witten/Herdecke
    Fördersumme: 645.757 €
    Weitere Standorte: Universitätsmedizin Greifswald, Universität Siegen
  • „IMPULS-A - Implementierung eines Unterstützungsprogramms für Langzeitkrebsüberlebende im Alter“
    Projektleitung: Prof. Dr. Hans-Christoph Friederich, Universitätsklinikum Heidelberg
    Fördersumme: 1.312.000 €
  • „Das Hamburger 'Leben nach Krebs-Programm': Entwicklung, Implementierung und Evaluation eines strukturierten Survivorship-Programms – eine hybride Wirksamkeits-Implementierungs-Studie“
    Projektleitung: PD Dr. Marianne Sinn, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
    Fördersumme: 950.469 €
  • „INSPIRE: Skills and Sport Intervention - eine hybride App- und videokonferenzbasierte Intervention für junge Erwachsene nach einer Krebserkrankung“
    Projektleitung: Prof. Dr. Eva-Maria Skoda, LVR-Klinikum Essen
    Fördersumme: 433.369 €
  • „DELPHIN: Detektion und Behandlung bio-psycho-sozialer Bedarfe von langzeitüberlebenden Patienten nach Krebs durch Hausärzte: Ein skalierbares Programm“
    Projektleitung: Prof. Dr. Birgitta Weltermann, Universitätsklinikum Bonn
    Fördersumme: 735.000 €


„Datenerhebung und Datenanalyse“:

  • „Das Überleben bei Sarkomen verstehen: Risikoprofile, Befinden und unerfüllte Bedarfe - Ein Projekt von Forschern, Sarkomzentren und Patienten-Experten (PROSa+)“
    Projektleitung: Dr. Martin Eichler, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden
    Fördersumme: 890.000 €,
  • „Mundgesundheit - Spätfolgen der Behandlung von Krebs im Kindes- und Jugendalter (OraLatE)“
    Projektleitung: Dr. Desiree Grabow, Universitätsmedizin Mainz
    Fördersumme: 301.275 €
  • „Einfluss von klinischen Faktoren, Therapie und Lebensstil auf Langzeit- und Spätfolgen bei Überlebenden mit Darmkrebs“
    Projektleitung: Prof. Dr. Michael Hoffmeister, Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg
    Fördersumme: 426.785 €
  • „Biopsychosoziale Belastung und Versorgungsbedarf bei älteren Langzeitüberlebenden: stratifizierte register-basierte Mixed-Methods-Studie mit Vergleichsgruppen“
    Projektleitung: Prof. Dr. Anja Mehnert-Theuerkauf, Universitätsklinikum Leipzig
    Fördersumme: 796.106 €
    Weitere Standorte: Universitätsmedizin Greifswald, Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Universität Leipzig
  • „AML-CARE: Identifizierung von somatischen und psychosozialen Spätfolgen und Risikofaktoren bei AML-Langzeitüberlebenden als Basis evidenzbasierter Nachsorge.“
    Projektleitung: Prof. Dr. Klaus Metzeler, Universitätsklinikum Leipzig
    Fördersumme: 585.000 €
    Weitere Standorte: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden, Universitätsklinikum Münster, Klinikum der Universität München, Universität Leipzig


Dieser Artikel wurde in unserem Geschäftsbericht 2024 veröffentlicht.