Trauerbewältigung: Was hilft bei Trauer?


Trauerbewältigung - Deutsche Krebshilfe

Trauer kennt weder einen festen Zeitplan noch verläuft sie linear. Sie kommt in Wellen, mal leise, mal überwältigend stark. Sie kann durch Erinnerungen ausgelöst oder intensiviert werden – etwa durch ein Lied, einen vertrauten Duft oder einen kleinen Moment, der uns an den Menschen erinnert, den wir vermissen. Trauer ist mehr als Traurigkeit: Mal zeigt sie sich als Wut, mal als tiefe Einsamkeit, mal als schmerzliche Leere. Obwohl sie universell ist, empfindet jeder Mensch sie anders. Und vor allem ist sie eine natürliche Reaktion auf eine Verlusterfahrung.

Da Menschen sehr unterschiedlich trauern, gibt es kein „Richtig“ oder „Falsch“ in der Trauerbewältigung. Doch es gibt Hilfestellungen für TrauerndeTipps für Nahestehende sowie Warnsignale des Körpers, die man ernst nehmen sollte.

Die Mitarbeiterinnen vom INFONETZ KREBS stehen Ihnen zur Seite und nennen Ihnen auf Wunsch Anlaufstellen zur Trauerbewältigung in Ihrer Wohnortnähe.

Was ist Trauer?

Der Verlust eines nahestehenden Menschen ist ein einschneidendes Ereignis, das die Hinterbliebenen massiv aus ihrem seelischen Gleichgewicht bringen kann. Der Prozess, dieses Gleichgewicht schrittweise wiederzufinden, wird als Trauer bezeichnet. Die Dauer des Trauerprozesses ist von Person zu Person verschieden und kann wenige Wochen bis hin zu vielen Jahren dauern. Es gibt keinen festen Zeitpunkt, an dem die Trauer abgeschlossen sein muss.

Wichtig: Trauer kann Menschen auf verschiedenen Ebenen betreffen: physisch (z. B. Appetitlosigkeit, Schlafstörungen), psychisch (z. B. Durchleben einer Gefühlsachterbahn), sozial (z. B. Rollen im Familiengefüge verändern sich) und spirituell (z. B. Sinnfragen treten auf).

Interview: Was hilft bei der Trauerbewältigung?

Erzsébet Endlein - Trauerbegleiterin, Psychoonkologin und Mitarbeiterin des INFONETZ KREBS der Deutschen

Erzsébet Endlein ist DKG-zertifizierte Psychoonkologin und Mitarbeiterin des INFONETZ KREBS der Deutschen Krebshilfe.

Als zertifizierte Sterbe- und Trauerbegleiterin unterstützt sie Menschen am Lebensende, zum Abschied oder zur Bewältigung der Trauer. Dabei steht sie sowohl Angehörigen als auch Betroffenen zur Seite.

„Bei der Bewältigung der Trauer ist es wichtig, seine Gefühle zuzulassen. Diese zu durchleben ist die Basis der Verarbeitung und sich dabei Zeit zu lassen, ist essenziell. Denn Trauer ist kein gleichbleibendes Gefühl, vielmehr ist sie vielschichtig und verändert sich. Und so schwer es auch ist: Es ist möglich, den anfänglichen Schmerz zu überwinden – durch kleine, behutsame Schritte.“

Trauer ist kein gleichbleibendes Gefühl.

Wie können diese Schritte aussehen?

„Die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Trauer, das Reden miteinander, aber auch die Pausen während des Trauerprozesses – zum Beispiel durch einen Tagesauflug mit Freunden – können einem Mut, Kraft und Hoffnung schenken.“ Manchen Menschen hilft Erinnerungsarbeit, z.B. durch Fotocollagen, Hörbücher, eine Briefsammlung, ein spezielles Kleidungsstück oder ein Erinnerungskissen (Animo). Andere verarbeiten ihre Trauer durch Handlungen, etwa körperliche Aktivitäten, die innere Spannungen abbauen.

„In der Trauer muss jeder seinen eigenen Weg finden. Wichtig ist, Mitgefühl mit sich selbst zu haben, seine Bedürfnisse wahrzunehmen, diese zu kommunizieren und Unterstützung anzunehmen.“ Schritt für Schritt können Trauernde neue Gewohnheiten aufbauen und Rituale um die eigenen Bedürfnisse gestalten. „So findet Trauerbewältigung statt: Der Schmerz wandelt sich, Erinnerungen bleiben – und Leben wird wieder möglich“, so Erzsébet Endlein.

Niemand muss den Weg der Trauer allein gehen. Es gibt ambulante Hospizdienste, die Trauernde durch ausgebildete haupt- oder ehrenamtliche Trauerbegleiterinnen unterstützen. Ihre Angebote umfassen telefonische Beratungen, Einzelgespräche, Trauercafés, Spaziergänge, Kochgruppen und Gruppenabende.

Hinweis: Es gibt Angebote von gemeinnützigen Vereinen, Gemeinden, sozialen Einrichtungen oder Kirchengemeinden. Eine zertifizierte Trauerbegleitung finden Sie beim Bundesverband Trauerbegleitung. Weitere Angebote erhalten Sie beim Wegweiser Hospiz- und Palliativversorgung Deutschland.

Tipps für Trauernde:

  • Lassen Sie Ihre Gefühle zu.
  • Schenken Sie sich Aufmerksamkeit und entdecken Sie, was Ihnen guttut.
  • Nehmen Sie sich Zeit und vertrauen Sie darauf, dass „Rückschritte“ ein natürlicher Teil des Trauerprozesses sind.
  • Umgeben Sie sich mit verständnisvollen Menschen, die Ihnen zuhören.
  • Suchen Sie sich Hilfe.
Erszebet Endlein - INFONETZ KREBS - Deutsche Krebshilfe

Warum ist das Auf und Ab im Trauerprozess hilfreich?

„Viele Betroffene beschreiben ein ‚Hin‘ und ‚Her‘ innerhalb des Trauerprozesses. Gerade fühlte man sich noch stabil, bis man plötzlich durch die Erinnerung an die verstorbene Person in eine unvorhersehbar tiefe Verzweiflung gestoßen wird. Was sich für viele Menschen als ‚Rückschritt‘ anfühlen kann, ist in Wirklichkeit ein gesunder Vorgang für die Verlustbewältigung. Das Pendeln zwischen der Verlustauseinandersetzung und der Hinwendung zum Leben ist ein notwendiger Teil des Trauerprozesses.“

Kann Trauer etwas Positives bewirken?

Friedas Erfahrungen mit Krebs

„Manche Menschen reflektieren in Zeiten von tiefen Lebenskrisen ihre Bedürfnisse und Beziehungen klarer. Das kann der Startpunkt einer Entwicklung sein“, so Erzsébet Endlein: „Durch die Auseinandersetzung mit der Trauer können Menschen innere Stärke und Resilienz entwickeln, die ihnen helfen, mit dem Verlust umzugehen, ihr Leben neu zu organisieren und sich stärker mit sich selbst sowie anderen verbunden zu fühlen.“

Wie kann ich Trauernden helfen?

Aus ihrer Tätigkeit als zertifizierte Sterbe- und Trauerbegleiterin weiß Erzsébet Endlein: „Wenn Sie einer nahestehenden Person bei ihrer Trauerbewältigung helfen möchten, so können Sie dies tun, indem Sie ‚einfach da‘ sind. Echtes Interesse hilft Trauernden beim Umgang und der Trauerbewältigung. Lassen Sie der Person dabei Zeit und Raum für ihre Trauer. Versuchen Sie nicht, etwas zu beschleunigen, die Gefühle des anderen zu ändern oder gar sie zu bewerten. Verzichten Sie auf ungebetene Ratschläge, hören Sie lieber zu.“

Übrigens: Viele trauernde Menschen sprechen gerne über den Verstorbenen. Seien Sie offen dafür und – wenn möglich und erwünscht – teilen Sie Ihre Erinnerungen an die Person.

Tipps für den Umgang mit Trauernden:

  • Hören Sie zu, zeigen Sie echtes Interesse.
  • Bieten Sie verlässliche Unterstützung an wie Einkäufe oder Essenszubereitung.
  • Ertragen Sie Stille und negative Gefühle.
  • Fragen Sie, ob der Betroffene über den Verstorbenen sprechen möchte.
  • Bewerten Sie nicht – weder die Gefühle noch das Verhalten der trauernden Person.

Sollten Sie sich sorgen, dass die Trauer übermäßig lange anhält, so bieten Sie Ihre Hilfe an, etwa bei der Suche nach einer Selbsthilfegruppe, lokale Trauerbegleitung oder über die psychoonkologische Beratung.

Hinweis: Während Erwachsene meist zu langen Phasen der Niedergeschlagenheit tendieren, wechseln sich bei Kindern häufig Trauer und normaler Alltag miteinander ab. Darum spricht man bei Kindergartenkindern auch von „Trauer-Pfützenspringern“.

Wann ist die Trauer am schlimmsten?

„Für Angehörige ist die wohl schwierigste Zeit, die mit den intensivsten Gefühlen verbunden ist, meist nach dem Schockzustand durch einen Todesfall.  Während Trauernde den Verlust auf logischer Ebene zwar erfasst haben, braucht die Psyche Zeit, das volle Ausmaß zu verstehen und zu erkennen, wie einschneidend, weittragend und final das Ereignis ist. Dann aber werden Hinterbliebene oftmals von der Wucht der Gefühle überrollt. Auch wenn es wehtut: Es ist wichtig, Trauer, Verlustschmerz und Einsamkeitsgefühle zuzulassen. Werden diese nicht durchlebt, kann das im schlimmsten Fall seelische und körperliche Folgen haben.“

Was sind Symptome unverarbeiteter Trauer?

„Wenn sich Trauernde nach einem Todesfall nicht mit ihren Gefühlen auseinandersetzen – zum Beispiel, indem sie Gespräche über den Verlust vermeiden, ihn bagatellisieren, sich übermäßig in die Arbeit stürzen, ständig ablenken oder ihren Schmerz sogar mit Alkohol oder anderen Substanzen betäuben –, können sie ihre Trauer nicht verarbeiten und somit nicht bewältigen. Mögliche Symptome unverarbeiteter Trauer sind: Kreislaufprobleme, Schwindel, Migräne, Verdauungsprobleme, Gewichtsveränderungen, Haarverlust, Übelkeit, Zittern oder ein Engegefühl im Brustkorb.“

Hinweis: Nehmen Sie diese Signale ernst und scheuen Sie sich nicht davor, Ihre Ärztin oder Ihren Arzt darauf anzusprechen.

Wie wird Trauer zur Erinnerung?

„Die Trauer nach einem Todesfall endet nicht, aber sie wandelt sich und nimmt einen neuen Platz im Leben der Hinterbliebenen ein. Der Schmerz tritt nach und nach in den Hintergrund, während die liebevolle Erinnerung an den geliebten Menschen zu einem festen Teil des eigenen Lebens wird. Trauerintegration statt Loslassen: So wird aus der Trauer ein stiller Begleiter, der die Erinnerungen bewahrt, ohne den Alltag zu überlagern.“

Trauerbewältigung - Was hilft_Deutsche Krebshilfe

Trauertheorie – Trauer verstehen

Viele Menschen assoziieren Trauer mit der Zeit nach einem Todesfall. Doch tatsächlich beginnt Trauer oft schon viel früher – und zwar in dem Moment, wenn eine schwere oder lebensbedrohliche Diagnose gestellt wird. Insgesamt lassen sich drei Felder der Trauer beschreiben:

  1. Trauer ab der schweren Diagnose
  2. Trauer im Sterbeprozess
  3. Trauer nach dem Tod

1. Diagnose Krebs: Trauer um die eigene Zukunft?

Eine schwere Diagnose verändert das Leben augenblicklich. Für viele Betroffene ist ab dem Zeitpunkt der Diagnose nichts mehr so, wie es vorher war. Ein innerer Prozess beginnt, der wenig bekannt ist und von außen oft übersehen wird: Betroffene und ihre Angehörigen trauern. Bei dieser vorgelagerten oder auch antizipatorischen Trauer geht es beispielsweise um den Verlust der Gesundheit, aber auch um den Wegfall der Zukunftspläne. Hier spielen Angst, Unsicherheit und Kontrollverlust oft eine große Rolle. Aus diesem Grund benötigen Krebspatientinnen und -patienten nicht nur die bestmögliche medizinische Therapie, sondern auch seelische und soziale Begleitung.

Wichtig: Noch (weit) bevor ein Abschied endgültig ist, beginnt ein Prozess, den viele nicht benennen können: Die vorgelagerte (antizipatorische) Trauer.

2. Trauer im akuten Sterbeprozess

Die Trauer unmittelbar vor dem Sterben beschreibt die Gefühle und inneren Prozesse in der letzten Lebensphase. Sie kann sowohl den sterbenden Menschen selbst als auch seine Angehörigen betreffen und ist ein Teil des bewussten Abschiednehmens. Dabei können beiderseitig Angst, Traurigkeit, Wut, aber auch Ruhe, Dankbarkeit und der Wunsch nach Versöhnung auftreten. Die sterbende Person kann beispielsweise um den Verlust des eigenen Lebens, verpasste Chancen oder um das Zurücklassen geliebter Menschen trauern. Angehörige erleben häufig eine intensive Form der Abschiedstrauer, während sie gleichzeitig Nähe, Liebe und Verbundenheit erfahren können.

Geborgenheit bis zuletzt: Hier finden Sie weitere Informationen zur Palliativmedizin.

3. Trauer nach dem Todesfall

Die bekannteste Form der Trauer ist die nach einem Todesfall. Sie ist individuell, vielschichtig und verändert sich ständig. Moderne Trauermodelle machen diese Dynamik verständlich, indem sie die unterschiedlichen Facetten und wechselnden Bedürfnisse Trauernder in den Blick nehmen. Dieses Wissen kann helfen, die eigenen Gefühle besser zu verstehen und einzuordnen.

Ein Beispiel dafür ist das Trauer-Kaleidoskop nach Chris Paul. Es beschreibt Trauer mithilfe der Symbolik eines Kaleidoskops: Die verschiedenfarbigen „Plättchen“ stehen für unterschiedliche Aspekte der Trauer – etwa Traurigkeit, Wut, Sehnsucht oder auch Momente von Entlastung. Durch Bewegung entstehen immer neue Muster. Alle Aspekte sind grundsätzlich vorhanden, doch ihre Ausprägung verändert sich. Mal steht die Alltagsbewältigung im Vordergrund, mal die Gefühle, mal auch kurze Phasen von Ruhe.

Das Duale Prozess-Modell (DPM) nach Margaret Stroebe und Henk Schut ergänzt dieses Verständnis. Es beschreibt Trauer als ein Pendeln zwischen zwei Polen: der Auseinandersetzung mit dem Verlust (z. B. Schmerz und Erinnerungen) und der Hinwendung zum Leben (z. B. Alltag gestalten und neue Strukturen entwickeln). Dieses Wechseln ist kein Rückschritt, sondern ein gesunder und notwendiger Teil des Trauerprozesses.

Grafik: Duales Prozessmodell der Trauer nach Stroebe und Schut_Deutsche Krebshilfe

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Eine persönliche, kostenfreie Beratung durch das INFONETZ KREBS erhalten Sie montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr unter der Telefonnummer 0800 / 80 70 88 77 oder per E-Mail: krebshilfe@infonetz-krebs.de.

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