Geschäftsjahr 2024 – Interview mit Dr. Franz Kohlhuber


Dr Franz Kohlhuber_Deutsche Krebshilfe

In ihrem Jubiläumsjahr 2024 hat die Deutsche Krebshilfe viele neue Projekte initiiert und auch politische Impulse gesetzt. Im Gespräch blickt der neue Vorstandsvorsitzende Dr. Franz Kohlhuber zurück und erläutert, welche Themen für die Stiftung im Fokus standen.

Herr Dr. Kohlhuber, Sie haben das Amt des Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Krebshilfe übernommen. Wie haben Sie den Einstieg erlebt?

Es ist für mich eine große Ehre, Vorstandsvorsitzender dieser bedeutenden Organisation zu sein. Damit geht eine große Verantwortung einher. Ich war vor der Amtsübergabe bereits zehn Jahre Mitglied des Vorstands. In dieser Funktion habe ich bereits viele strategische Entscheidungen mitgetragen und kenne die Organisation gut, ebenso die Menschen, die sie tragen und ausmachen. Ich freue mich daher auf die künftigen Aufgaben und Herausforderungen, die dieses Amt mit sich bringen wird.

An dieser Stelle ist es mir aber besonders wichtig, meinem Vorgänger, Gerd Nettekoven, für seinen langjährigen, unermüdlichen Einsatz für die Deutsche Krebshilfe und sein großes Engagement für krebskranke Menschen zu danken. Er hat die Deutsche Krebshilfe mit beispiellosem Einsatz und strategischer Weitsicht ganz im Sinne unserer Gründerin, Mildred Scheel, zu einer der wichtigsten Organisationen im Kampf gegen den Krebs entwickelt. Und ich bin froh, dass er mir und uns künftig beratend zur Seite stehen wird.

Den aktuellen Geschäftsbericht der Deutschen Krebshilfe finden Sie hier.

Mit welchen Themen hat sich die Deutsche Krebshilfe im Jahr 2024 besonders befasst?

Eine große Stärke der Deutschen Krebshilfe war es schon immer, Defizite in der Onkologie – ob in der Forschung oder Versorgung – zu erkennen und diese mit gezielten Fördermaßnahmen, Initiativen und auch politischen Aktivitäten und Impulsen anzugehen. Ein Beispiel: In Deutschland leben etwa dreieinhalb Millionen Menschen, die als Krebs-Langzeitüberlebende gelten.

Dr Franz Kohlhuber_Deutsche Krebshilfe_Geschäftsbericht_Bildnachweis Heike Fischer

Etwa die Hälfte von ihnen leidet Expertenschätzungen zufolge an Spätfolgen der Erkrankung und/oder der Therapie. Leid, das in vielen Fällen verhindert werden kann, wenn wir die Situation der Betroffenen besser verstehen und passende Versorgungsstrategien entwickeln und vorhalten. Mit unserem neuen Förderschwerpunktprogramm „Langzeitüberleben nach Krebs“ gehen wir das Thema wissenschaftlich und methodisch an.

Ein anderes Bespiel ist das Thema „Krebs und Armut“. Erfahrungen aus Krebs-Selbsthilfeorganisationen und der psychosozialen Beratung zeigen, dass Krebspatientinnen und -patienten zunehmend besorgt sind über wirtschaftliche Belastungen und ihre finanzielle Existenz. In Deutschland mangelt es jedoch an wissenschaftlichen Studien, mit denen soziale Ungleichheiten sowie die finanziellen Folgen von Krebserkrankungen untersucht werden. Dieses wichtige Thema gehen wir ebenfalls mit einem neuen Förderschwerpunktprogramm an, um mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen gezielt Verbesserungen anstoßen zu können – auch auf politischer Ebene.

Ebenfalls entscheidend für eine gute Versorgung in der Onkologie ist ausreichendes und entsprechend qualifiziertes Pflegepersonal. Die Anforderungen sind hoch und sie verändern sich mit den rasanten Fortschritten in der Krebsforschung und -medizin. Im vergangenen Jahr haben wir daher zwei Stiftungsprofessuren ausgeschrieben, mit denen wir den großen Stellenwert der onkologischen Pflege hervorheben wollen. Es sind die ersten Stiftungsprofessuren in diesem Bereich überhaupt, mit denen wir einen Impuls setzen und die Forschung, Lehre und Versorgung auf dem Gebiet der onkologischen Pflege nachhaltig verbessern wollen.

Im Jahr 2024 haben wir zudem die Entwicklung der von uns vor Jahren initiierten und bis heute geförderten Onkologischen Spitzenzentren, der Comprehensive Cancer Center (CCCs), vorangebracht. Derzeit fördern wir CCCs an bundesweit 26 universitären Standorten. Diese Zentren versorgen Patienten auf höchstem Niveau und bringen die Krebsforschung voran. Sämtliche von uns geförderte CCCs haben zudem die Aufgabe, mit Kliniken und niedergelassenen Ärzten der jeweiligen Region eng zu kooperieren, damit auch deren Patientinnen und Patienten von dem hohen Versorgungsstandard der CCCs und deren Innovationen profitieren. Mit dem bereits im Jahr 2023 auf den Weg gebrachten Programm „ONCOnnect“ wird die Vernetzung und Zusammenarbeit der CCCs mit ihren jeweiligen regionalen Versorgungsstrukturen gezielt gestärkt. Dabei geht die Initiative von den CCCs aus, um diese in die bestehenden CCC-Infrastrukturen einzubeziehen. Mit einem gesonderten Förderprogramm haben wir umgekehrt Versorgern – wie beispielsweise Krankenhäusern, die über ein Onkologisches Zentrum verfügen – kürzlich die Möglichkeit gegeben, kluge Ideen für modellhafte Kooperationen mit CCCs umzusetzen. Von einer Expertengruppe wurden fünf Projektvorhaben mit den vielversprechendsten Kooperationsmodellen ausgewählt, die wir mit insgesamt rund 12 Millionen Euro fördern werden.

Ein weiteres wichtiges Feld, das wir angestoßen haben, ist das Thema „Zweitmeinung“. Auch hier werden wir die CCC-Strukturen für die Etablierung eines qualitätsgesicherten ärztlichen Zweitmeinungs-Service in der Onkologie nutzen. Das Vorhaben werden wir zunächst im Rahmen einer Pilotphase mit wenigen CCCs angehen und ebenfalls mit erheblichen Mitteln fördern. Dass bei vielen Betroffenen und ihren Angehörigen ein hoher Bedarf für Zweitmeinungen besteht, nehmen die Mitarbeitenden unseres Informations- und Beratungsdiensts INFONETZ KREBS bei ihrer täglichen Arbeit wahr.

Die Deutsche Krebshilfe ist auch in der Gesundheits- und Forschungspolitik ein wichtiger Gesprächspartner. Welche Impulse konnten Sie 2024 setzen?

Dr. Franz Kohlhuber - Geschäftsbericht 2024_Deutsche Krebshilfe

Wir müssen immer im Blick haben, dass die Maßnahmen und Initiativen, die wir für eine verbesserte Versorgung krebskranker Menschen in Form von Modellen oder Anstößen auf den Weg bringen, auch langfristig gesichert werden. Und dafür ist der Austausch mit Entscheidungsträgern aus Politik und Gesundheitssystem für uns fundamental wichtig.

Gute Plattformen für diesen Austausch sind die großen politischen Krebsinitiativen: der „Nationale Krebsplan“ des Bundesministeriums für Gesundheit und die „Nationale Dekade gegen Krebs“ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR).

Die Deutsche Krebshilfe ist in Gremien beider Initiativen vertreten und rückt hier Themen, die ihr auf den Feldern der Forschung, Versorgung oder auch der Krebsprävention wichtig sind, in den Fokus der Diskussionen und Entscheidungsträger.

So ist es uns im vergangenen Jahr gelungen – gemeinsam mit unserem strategischen Partner auf dem Gebiet der Prävention, dem Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) –, dieses für die Zukunft so wichtige Thema nach intensiven und durchaus kontroversen Diskussionen in der Neuausrichtung des Nationalen Krebsplans zu verankern.

Auch der Wissenschaftsrat als wissenschaftspolitisches Beratungsgremium hat sich im Mai 2024 mit dem Thema Krebsprävention befasst und gemeinsam mit uns und dem DKFZ ein Symposium mit Teilnehmenden aus Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Medien veranstaltet. Auch das war eine ganz wichtige Initiative, bei der wir unsere Interessen eingebracht haben.

Gemeinsam mit unserem Partner, dem DKFZ, sind wir fest davon überzeugt, dass wir letztendlich eine langfristige politische Krebspräventionsstrategie für Deutschland brauchen, um das große Potenzial der Prävention für die Krebsbekämpfung abzurufen. Auch darauf werden wir, gemeinsam mit dem DKFZ, hinwirken – mit konkreten Handlungsempfehlungen für die Politik.

Im Kontext unserer politischen Aktivitäten geht es uns aber nicht nur um Impulse, die wir an die Gesundheits- und Forschungspolitik adressieren. Es geht uns auch um gemeinsame Projekte und Initiativen im Sinne eines gemeinsamen Handelns. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Krebsfrüherkennung. Auch hier gibt es noch immenses Potenzial und Handlungsbedarf. Unsere Vision: Künftig sollen Ärztinnen und Ärzte ihren Patienten einen speziell auf sie zugeschnittenen Plan zur Krebsfrüherkennung anbieten können. Also eine maßgeschneiderte Krebsfrüherkennung, die neben Alter und Geschlecht auch individuelle Risikofaktoren mit einbezieht, wie etwa den jeweiligen Lebensstil, die genetische Veranlagung und mögliche Vorerkrankungen. Um hierfür die wissenschaftlichen Grundlagen zu schaffen, haben wir ein gezieltes neues Förderschwerpunktprogramm eingerichtet – abgestimmt mit dem BMFTR – im Rahmen der Nationalen Dekade gegen Krebs und im Sinne einer öffentlich-privaten Partnerschaft. Sowohl das BMFTR als auch wir fördern zahlreiche Projekte zu diesem Thema. Ein gutes Beispiel für eine enge und fruchtbare Kooperation zwischen der Deutschen Krebshilfe und der Forschungspolitik.

Welche Mittel standen Ihnen im Geschäftsjahr 2024 für Ihre Arbeit zur Verfügung?

Rund 181 Millionen Euro hat die Deutsche Krebshilfe im vergangenen Jahr an Einnahmen erzielt. Mit diesen Mitteln konnten wir 164 neue Projekte und Initiativen auf den Weg bringen – beispielsweise innovative Forschungsvorhaben, aber auch Aufklärungs- und Informationskampagnen durchführen, unser Beratungsangebot stetig ausweiten und krebskranke Menschen in finanzieller Not unterstützen. Allein 60,8 Millionen Euro haben wir für neue Forschungsprojekte und -programme zur Verfügung gestellt. Die Deutsche Krebshilfe ist seit Jahren der bedeutendste private Förderer der Krebsforschung in Deutschland. Dieses erfreuliche Jahresergebnis zeigt uns, dass unsere Arbeit von den Bürgern wahrgenommen wird und dass wir mit dem breit angelegten Spektrum unserer Aktivitäten richtigliegen. Auch unsere Wirtschaftlichkeit ist sicher mit ein Grund für unsere Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung. Unsere Kosten für Verwaltung und Spendenakquise sowie unsere sonstigen Kosten lagen 2024 bei insgesamt 7,0 Prozent. Die Projektnebenkosten beliefen sich auf 3 Prozent.

Die Deutsche Krebshilfe ist der wichtigste private Geldgeber auf dem Gebiet der Krebsforschung in Deutschland. Im Geschäftsjahr 2024 hat sie Fördermittel in Höhe von 61 Millionen Euro für die Grundlagenforschung, die klinische Krebsforschung und die Versorgungsforschung bereitgestellt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Dr. Franz Kohlhuber im Gespräch - Deutsche Krebshilfe

Die Deutsche Krebshilfe setzt sich nun seit 50 Jahren für krebskranke Menschen und ihre Angehörigen ein. Mit unserer Arbeit, den von uns geförderten Projekten und Initiativen sowie mit unserer umfangreichen Informations- und Aufklärungsarbeit haben wir viel bewirkt.

Die Krebsbekämpfung stellt uns aber auch in Zukunft vor erhebliche Herausforderungen. Nach wie vor haben wir es mit Krebserkrankungen zu tun, bei denen die Heilungsmöglichkeiten schlecht sind – wie dem Bauchspeicheldrüsenkrebs. Mit unserer neuen Forschungsinitiative „Deutsche Allianz Pankreaskarzinom“ setzen wir einen starken Fokus auf dieses Thema. 40 Millionen Euro haben wir für dieses Programm bereitgestellt. Allein das macht deutlich, wie wichtig es uns ist, die therapeutische Situation bei diesem Tumor zu verbessern.

Auch der wissenschaftliche Nachwuchs ist uns weiterhin ein wichtiges Anliegen. Um dem Mangel an wissenschaftlichen Nachwuchskräften entgegenzuwirken, haben wir vor fünf Jahren sogenannte „Mildred-Scheel-Nachwuchszentren“ an den Medizinischen Fakultäten in Dresden, Frankfurt, Hamburg, Köln/Bonn und Würzburg eingerichtet. Mit unserer Förderung wurden Modell-Strukturen geschaffen, die jungen Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern sowie wissenschaftlich tätigen jungen Ärztinnen und Ärzten ein optimales Umfeld für Krebsforschung bieten. Dieses Programm wollen wir fortführen und möglicherweise ausweiten.

Wir setzen uns nun seit 50 Jahren für krebskranke Menschen und ihre Angehörigen ein. Ich danke allen, die uns dabei finanziell und ideell unterstützen. Ohne sie wäre unsere Arbeit nicht möglich.

Neben diesen beiden beispielhaft genannten Initiativen gibt es zahlreiche weitere Themenfelder, mit denen wir uns in Zukunft beschäftigen müssen und werden. Auf die Pflegesituation und den großen Komplex der Prävention mit ihrem großen Potenzial für die Krebsbekämpfung bin ich bereits eingegangen. Auch die Arzt-Patienten-Kommunikation ist ein vorrangiges Thema mit Handlungsbedarf, das bisher politisch nicht umfassend angegangen wurde.

Damit wir all diese Aufgaben erfolgreich bewältigen können, wünsche ich mir für die Zukunft, dass wir weiterhin auf das ehrenamtliche Engagement zahlreicher Expertinnen und Experten zählen können. Ihre Beratung und Unterstützung sind für uns von unschätzbarem Wert. Mein Wunsch ist es aber auch, dass sich Betroffene gut informiert fühlen, wenn sie die Diagnose Krebs erhalten und dass wir sie mit ihren Fragen und Ängsten sicher auffangen können. Wichtige Anlaufstellen sind hier unser INFONETZ KREBS, aber auch die von uns geförderten Krebs-Selbsthilfeorganisationen.

In diesem Sinne danke ich abschließend allen, die uns finanziell und ideell unterstützen. Ohne sie wäre unsere Arbeit nicht möglich. Mein Dank gilt ganz besonders unseren zahlreichen Spenderinnen und Spendern, die uns seit 50 Jahren das Vertrauen schenken. Daher ist es mein größter Wunsch, dass unsere Unterstützerinnen und Unterstützer auch in Zukunft an unserer Seite stehen, um gemeinsam den weiteren Herausforderungen in der Krebsbekämpfung begegnen zu können.

Deutsche Krebshilfe_Jubiläumsjahr_Bildnachweis Heike Fischer

Weitere Informationen

Die Deutsche Krebshilfe ist der wichtigste private Geldgeber auf dem Gebiet der Krebsforschung in Deutschland. Im Geschäftsjahr 2024 hat sie Fördermittel in Höhe von 61 Millionen Euro für die Grundlagenforschung, die klinische Krebsforschung und die Versorgungsforschung bereitgestellt. Weitere Informationen zur Arbeit der Deutschen Krebshilfe finden Sie in unserem aktuellen Geschäftsbericht.

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