In onkologischen Spitzenzentren (Comprehensive Cancer Center, CCCs) erhalten Krebspatientinnen und -patienten die optimale Versorgung. Genau mit diesem Ziel finanziert die Deutsche Krebshilfe deren Aufbau seit dem Jahr 2007 mit rund 220 Millionen Euro. Aber was genau ist anders als in einem „ganz normalen“ Krankenhaus?
Ein Gespräch mit Professorin Dr. Tanja Fehm, Direktorin des Centrums für Integrierte Onkologie (CIO) Düsseldorf.
Alle bringen ihre Expertise ein.
Frau Prof. Fehm, können Sie den Unterschied zwischen einem normalen Krankenhaus, einem Organzentrum und einem CCC erklären?
„Ein normales Krankenhaus stellt grundsätzlich die Basisversorgung sicher. Die nächste Stufe sind von der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zertifizierte Organzentren, zum Beispiel für Brustkrebs oder Darmkrebs. Zertifiziert heißt, dass bestimmte Qualitätsstandards erfüllt werden müssen, die regelmäßig geprüft werden. Durch die Zertifizierung wird gewährleistet, dass nicht nur die medizinische Versorgung leitliniengerecht und optimal abläuft, sondern dass Patienten auch psychosozial versorgt sind, zum Beispiel durch Psychoonkologen und Sozialarbeiter. Darüber hinaus gibt es onkologische Zentren, in denen mehrere Organzentren zusammengefasst sind. Diese sind also für die Behandlung mehrerer Krebsarten zertifiziert. Und die höchste Stufe bilden die CCCs. Dort kommt zur optimalen medizinischen Versorgung zusätzlich die translationale Forschung, klinische Forschung und strukturierte Ausbildung hinzu.“
Welche Vorteile entstehen, wenn sich einzelne Unikliniken zu einem großen Krebszentrum zusammenschließen?
„Unsere Netzwerkpartner und wir haben bemerkt, dass wir als einzelne Kliniken in vielen Belangen limitiert sind. Deshalb haben wir uns bewusst zusammengeschlossen. Je mehr Menschen zusammenarbeiten, desto mehr Wissen und Infrastruktur stehen zur Verfügung. Der entscheidende Mehrwert ist, dass Patienten zwischen den Standorten versorgt werden können, zum Beispiel wenn es eine spezielle Studie oder eine besondere OP- oder Strahlentherapietechnik gibt. Auch für Forschung und Pflege ist das enorm wichtig, weil man nicht alles viermal neu denken muss, sondern die einzelnen Standorte sich untereinander abstimmen können. Wir haben zum Beispiel gemeinsame Graduiertenprogramme für unsere Studierenden: Sie besuchen gemeinsame Seminare und Kurse, wodurch eine Methodenvielfalt und Expertise zusammenkommen, die ein einzelner Standort gar nicht bieten kann. Auch auf der pflegerischen Ebene sprechen wir uns ab, indem wir gemeinsame Pflegestandards entwickeln. Natürlich ist das auch ein Lernprozess, aber wir merken, dass wir als Team immer besser zusammenwachsen.“
Behandeln alle Standorte die gleichen Krebsarten oder gibt es auch hier Schwerpunkte?
„Die häufigen Erkrankungen, wie Brustkrebs oder Darmkrebs, werden an allen Standorten behandelt. Das ist auch notwendig, weil es sehr viele Patienten mit diesen Erkrankungen gibt. Daneben besitzt aber jeder Standort besondere Expertisen, entweder für besondere Behandlungsformen oder spezielle Erkrankungen. Das bedeutet, dass man sich etwa bei seltenen Krebsarten oder bestimmten Studien gegenseitig kontaktiert und Patienten gezielt an den Standort vermittelt, der die entsprechende Erfahrung hat. Düsseldorf ist zum Beispiel für eine besondere Expertise beim myelodysplastischen Syndrom bekannt, also eine Gruppe von Erkrankungen des Knochenmarks.“
Ohne die Unterstützung der Deutschen Krebshilfe könnten wir viele aufwendige und innovative Studien gar nicht durchführen.

Tauschen Sie sich auch mit den anderen CCCs aus?
„Der Vernetzungsgedanke ist essenziell für die CCCs: Alle 14 CCCs an 26 universitären Standorten bilden das sogenannte „Netzwerk Onkologische Spitzenzentren“. Gemeinsam wollen wir eine Lotsenfunktion übernehmen, um die onkologische Versorgung in Deutschland insgesamt zu verbessern. Die CCCs haben daher regelmäßige Treffen, und es gibt ergänzende Initiativen wie ONCOnnect, die zusätzlich von der Deutschen Krebshilfe gefördert werden. Ziel ist die Vernetzung sowohl unter den CCCs selbst, aber auch mit niedergelassenen Kollegen und anderen Krankenhäusern. Diese können beispielsweise Patienten zu uns schicken, damit sie in klinische Studien bei uns aufgenommen werden – und danach wieder heimatnah betreut werden.“
Wer kann sich an ein CCC wenden? Muss eine Erkrankung besonders schwer sein?
„Grundsätzlich kann sich jeder Patient an ein CCC wenden, zum Beispiel für eine Zweitmeinung. Gleichzeitig ist mir wichtig zu betonen, dass zertifizierte Organzentren eine hervorragende Versorgung leisten. Viele Patienten sind dort optimal aufgehoben und sie sollten die erste Anlaufstelle sein. Wer aber zum Beispiel eine besonders schwierige, komplexe Krebserkrankung hat oder sich über innovative Studien oder besondere Behandlungsformen für seine Erkrankung erkundigen möchte, für den ist es sicherlich sinnvoll, sich in einem CCC vorzustellen. Die Behandlung selbst und auch die Nachsorge müssen dann aber häufig gar nicht im CCC stattfinden, sondern beim heimatnahen Behandler. Das funktioniert gut, denn die CCCs kooperieren in der Regel sehr eng mit zertifizierten Organzentren. Wir sehen uns da als Ergänzung und nicht als Ersatz.“
Wie stellen Sie sicher, dass sich Patienten in einem so großen Zentrum gut betreut fühlen?
„Wir haben viele Strukturen, damit sich Patienten nicht alleine fühlen. Es gibt onkologische Pflegeexperten, psychoonkologische Betreuung und unsere Peer-Mentoren. Das sind Personen, die dieselbe Erkrankung durchgemacht haben wie der Patient und diesen durch seine Patientenreise begleiten – so eng, wie diese es möchten. Aufgrund der Größe der Klinik können wir nicht gewährleisten, dass immer derselbe Arzt denselben Patienten betreut. Trotzdem bekommt jeder Patient einen festen ärztlichen, übergeordneten Ansprechpartner. Das gibt vielen ein gutes Gefühl.“
Was bedeutet die Förderung der Deutschen Krebshilfe konkret im Klinikalltag?
„Mit der Förderung der Deutschen Krebshilfe finanzieren wir zum Beispiel unser Peer-Mentoren-Programm und unsere Study Nurses, zu Deutsch Studienassistenten. Ohne diese Unterstützung könnten wir viele aufwendige und innovative Studien gar nicht durchführen. Die Gelder tragen unmittelbar dazu bei, die Versorgung der Patienten zu verbessern.“
Über die Comprehensive Cancer Center (CCCs)
Die Comprehensive Cancer Center (CCCs), auch Onkologische Spitzenzentren genannt, wurden 2007 von der Deutschen Krebshilfe initiiert und werden seither von ihr gefördert und stetig weiterentwickelt. Dafür hat sie bisher rund 220 Millionen Euro bereitgestellt. Momentan fördert die Deutsche Krebshilfe insgesamt 14 CCCs, darunter acht Verbünde wie das CIO ABCD, an 26 universitären Standorten. Alle vier Jahre müssen sich die Zentren erneut um eine Förderung bewerben und sich einer eingehenden Prüfung durch eine internationale Prüferkommission unterziehen. So wird sichergestellt, dass in den CCCs zu jeder Zeit Krebsmedizin auf höchstem Niveau praktiziert wird.

Über das Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) Düsseldorf
Das Centrum für Integrierte Onkologie (CIO) Düsseldorf ist Teil des gemeinsamen Tumorzentrums der Unikliniken Aachen, Bonn, Köln und Düsseldorf (CIO ABCD) und wird von der Deutschen Krebshilfe seit 2019 als CCC gefördert.
Das 3-Stufen-Modell der onkologischen Versorgung
Nach den Vorstellungen der Deutschen Krebshilfe und ihrer Partnerorganisation, der Deutschen Krebsgesellschaft, sollen Krebspatienten bundesweit ausschließlich in ausgewiesenen Zentren/onkologischen Netzwerken versorgt werden. Dazu gehören auch niedergelassene onkologische Schwerpunktpraxen. Die CCCs bilden dabei die oberste Ebene. Die hier erarbeiteten Fortschritte und Standards werden allen Versorgungseinrichtungen in Deutschland für deren Patientenversorgung zugänglich gemacht, insbesondere den rund 2.400 zertifizierten Zentren: den Onkologischen Zentren (2. Ebene des 3-Stufen-Systems) und Organkrebszentren (3. Ebene).
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Eine persönliche, kostenfreie Beratung durch das INFONETZ KREBS erhalten Sie montags bis freitags von 8 bis 17 Uhr unter der Telefonnummer 0800 / 80 70 88 77 oder per E-Mail: krebshilfe@infonetz-krebs.de.
