Krebspatientinnen und -patienten allumfassend versorgen: Dieser Grundsatz wird in den Comprehensive Cancer Centern gelebt. Dazu gehört, Betroffene an Therapieentscheidungen zu beteiligen sowie Versorgungsmodelle und Therapiekonzepte gemeinsam mit ihnen zu entwickeln.
Auch Simone Widhalm setzt sich seit vielen Jahren im CIO ABCD für Krebsbetroffene ein – bis sie selbst die Diagnose Krebs erhält.
Hier fühle ich mich gut aufgehoben.
Frau Widhalm, was unterscheidet in ihren Augen die Versorgung in einem Comprehensive Cancer Center, kurz CCC, konkret von anderen Kliniken?
„In einem CCC kommt sehr viel Wissen strukturiert zusammen. Dort wird eine Krebserkrankung nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit Genetik, Begleiterkrankungen und der langfristigen Perspektive. Dadurch bekommt man einfach das Gefühl: Hier bin ich gut aufgehoben, egal, ob ich im CCC in Bonn, München oder Dresden behandelt werde.“
Sie bringen sich als Patientenvertreterin in Forschungs- und Versorgungsfragen ein. Warum ist es wichtig, dass Patienten zugehört wird?
„Patienten haben oft ganz einfache Fragen, die sonst übersehen werden. Dabei können wir Forschungsfragen initiieren, Erfahrungen aus Therapien einbringen und sagen, wo die Versorgung nicht gut läuft. Wir sind manchmal unbequem und geben kritische Anregungen, was besser laufen kann – aber auch, was schon gut funktioniert. Und auch für Patienten ist es wichtig, dass sie gehört werden. Sie fühlen sich ernst genommen, wahrgenommen. Und für die meisten Ärzte ist es schöner, mit Patienten zusammenzuarbeiten und sie nicht nur zu verwalten. Das ist also für beide Seiten ein Gewinn.“
Wer gerade eine Krebsdiagnose erhalten hat, hat so viel im Kopf und so viel Angst, dass es schwierig ist, Botschaften zu verstehen.
Sie engagieren sich seit rund 30 Jahren für Patienten. Wie hat Ihre eigene Diagnose Ihren Blick auf Defizite in der Versorgung verändert?
„Ich habe viel deutlicher gesehen, wo Lücken sind, insbesondere bei erblichen Krebserkrankungen. Da wird unglaublich viel Präventionspotenzial verschenkt. Und obwohl ich selbst Medizinerin bin, war ich in dem Moment der Diagnose einfach nur Patientin. Da habe ich erst wirklich verstanden: Wer gerade eine Krebsdiagnose erhalten hat, hat so viel im Kopf und so viel Angst, dass es schwierig ist, Botschaften zu verstehen. Hier bräuchte es Schulungen für Ärzte, in denen sie lernen, wie sie die wichtigsten Fakten so vermitteln, dass sie beim Patienten wirklich ankommen.“
Frau Widhalm, welche Fragen sollten Patienten Ihrer Erfahrung nach unbedingt stellen?
„Eine Krebserkrankung ist selten eine hochakute Situation. Nehmen Sie sich nach der Diagnose Zeit, holen Sie sich eine Zweitmeinung ein und überlegen Sie in Ruhe mit Ihren behandelnden Ärzten: Welche Möglichkeiten gibt es – inklusive Abwarten oder Nichtstun? Was sind die Vorteile und Risiken der einzelnen Optionen? Und was bedeutet die Therapie für mich ganz persönlich, für mein Leben und meine Lebensqualität?“

Über Simone Widhalm
Simone Widhalm ist Medizinerin, Kommunikations- und Gesundheitswissenschaftlerin. Als ehemalige Krebspatientin und Betroffene des Lynch-Syndroms – ein erblicher Gendefekt, der das Krebsrisiko erhöht – engagiert sie sich unter anderem für Patienten mit familiärem Darmkrebs. So ist sie zum Beispiel an der von der Deutschen Krebshilfe seit 2023 geförderten Verbundstudie „DECADE“ als Patientenvertreterin beteiligt.
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